Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1887-01-01 · Heft 8 · p. Seite 340

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
36 (1887)
Issue
Heft 8
Article
Parallelen aus der jüdischen Geschichte
Date
1887-01-01
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829626-2829635-2876956--24291-2876973
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

840 Parallelen au« der jüdischen Geschichte. hätte er den Brand Nomunter dem tollen Kaiser Nero mitangesehen. Er war am Hofe des Kaisers Vespasian und erzählte von der Katastrophe des Tempelbrandes in Jerusalem. Dieser ewige Jude war den Folterqualen und den Scheiterhaufen der Inquisition in Spanien, Portugal und Rom entgangen, worüber seine Zuhörer als über ein großes Wunder in Erstaunen gerathen wären. Diese Schilderung des ewigen Juden ist, wie es scheint, von einem Marannen entworfen (er wird pseudonym Sieur Paule Marana genannt) und sollte wohl ein Gegenbild gegen die Mystifikation der deutschen Sage sein. Der Verfasser war jedenfalls ein Spötter und Witzbold. Er wollte wohl auch die Auslegung seiner Schilderung nahe legen. Der ewige Jude ist das ewige Judenthum, das auf einer hohen Warte steht, und von diesem Standorte aus die steigen« den und fallenden Wogen der Weltgeschichte überblickt. Es spricht alle Sprachen, weil es überall gewesen; es entgeht allen Gefahren und Schrecknissen, was als ein großes Wunder angestaunt wird, und angestaunt zu werden verdient. Es ist der jüngere Bruder der Zeit. Es hat ein Niesengedächtniß für alle Vorgänge der Jahrtausende, die an ihm vorübergerauscht sind. Dieses Niesengedächtniß sind die Geschichtslafeln des jüdi« scheu Volkes. Die Geschichte keines einzigen Volksstammes auf Erden kann sich an Dauer mit den historischen Erinnerungen dieses Stammes messen. Er hat die stolzen Reiche des Alterthums entstehen und vergehen gesehen. Er hat den wüsten Taumel des Mittelalters durchlebt, das wie ein Alp auf seine Brust drückte, und er hat auch dazu beigetragen, daß dieser Taumel wie ein Traumgebilde entschwand. Er hat das Morgenroth der Neuzeit aufsteigen gesehen. Und dieses selbe unveränderte Volk hat einen Platz in der Gegenwart, zwar nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.