Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 36 (1887)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Mendelssohniana
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 332 (sequence 4)
- Language
- German
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332 Notiz. nur zu glauben geboten ist. Die Uebersetzung der fünf Bücher Moses, diederGeringste von uns seinen Schülern verständlich zu machen versteht, verwandelte er in hochtrabende und schönklingende, aber nichtssagende Worte, von denen ich Dir beim Barte Mosis zuschwöre, daß ich kein einziges verstehe. Den Psalmen DavivS zog er ein dichterisches Gewand an, so daß unsere Weiber und Kinder nicht mehr heilige Eingebungen lesen, sondern Gedicht« eines empfindsamen Schwärmers. Durch einen falschen Schein von Demuth, durch seine glatte Zunge und Schmeicheleien ohne Zahl erwarb er sich Anhänger, und die glänzende Außenseite seiner trügerischen Weisheit vermehrte seine Schüler täglich, so daß alles nach Berlin wallfahrtet«. Unsere studirende Jugend verließ die Sitze echter Rabbinischer Weisheit. In Halberstadt, Metz und Frankfurt standen die Hörsäle leer, denn alles zog nach Berlin. So schädlich war der Einfluß dieser Lehren auf Unterricht und Aufführung unserer Kinder, daß die Erziehung unserer Jugend schon in wenigen Jahren verdorben war. In meinen Jugendjahren lernte ich nichts als meine Muttersprache, das Hebräische: zu dem Zwecks wurde ich von meinem fünften bis zu meinem dreizehnten Jahre einem Lehrer anvertraut, der dazu besonders aus Polen verschrieben war. Mit Tagesanbruch führte er mich in die Synagoge, und von da bis zum Mittagsbrot in seine Wohnung zur Erlernung der heiligen Sprache. Kaum begann die Verdauung, so fingen auch meine Lehrstunden wieder an, die, als ich an Jahren zunahm, nicht nur einen Theil, sondern oft die ganze Nacht hindurch dauerten. Nach vollendetem dreizehnten Jahre besuchte ich drei unserer Universitäten, und nachdem ich ein Weib genommen hatte, erhielt ich in meinem dreißigsten Jahre eine Stelle als Rabbiner in einem Dorfe. Von den Künsten und Wissenschaften der Christen lernte ich freilich nichts, ja kaum so viel lesen, um den Kalender