Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 35 (1886)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der historische Hintergrund und die Abfassungszeit des Buches Esther und der Ursprung des Purim-Festes
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 482 (sequence 10)
- Language
- German
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482 Der historische Hintergrund und die Abfassungszeit des Buches deS israelitischen Volkes hatte die Poesie nicht Selbstzwecks son« dem wurde in den Dienst der ethisch-religiösen oder nationalen Idee genommen. Kunstpoesie, die an der bloßen Form Genüge fände, wie auf hellenischem Boden, giebt es in der hebräischen Literatur nicht. Hiob, scheinbar ein Drama, das Hohelied, in der Form eines carmen erotieum, Ruth auf den ersten Blick eine Idylle, sie haben sämmtlich einen religiösethischen Hintergrund, welcher dem Verfasser mehr am Herzen lag, als die poetische Form. Und so kann auch das Buch Esther keine bloße epische Dichtung sein, sondern verfolgt gewiß mit der epischen Form irgend einen Zweck. Daß es nicht als reine Geschichte gelten, sondern auf ein anderes im Hintergründe auftnerksam machen will, verräth es doch durch die Wahl der z wer Personen, welche die Verknotung und Lösung herbeiführen. Haman läßt es von Agag, dem amalekitischen Feind, gegen welchen der König Saul zu Felde zog, abstammen, und Mardo, chai's Abstammung führt es auf Kisch, Sauls ' Vater, zurück. Es will offenbar damit den ingrinimigen Haß zwischen den beiden Gegnern durch eine uralte Erbfeindschaft motiviren. Nun von Agag, der ein halbes Jahrtausend vorher hingerichtet worden ist, existirte zur Zeit der Perserherrschaft gewiß kein Sproßt wenn man auch absieht von der Erzählung im Buche Samuel, daß Saul das ganze Geschlecht Agag's vertilgt habe. Eine Erzählung, welche die Leitmotive der handelnden Personen psychologisch, aber geschichtswidrig erklären will, ist eben nicht Geschichte, sondern kann nur tendenziös sein. Diesen Umstand haben die Erklärer keinesweges übersehen, und doch capriciren sich einige darauf, die Geschichtlichkeit oder Halbgeschichtlichkeit des Buches zu retten. Sonderbar nimmt sich daher E. Meiers Urtheil über dasselbe aus. Er meint, die Erzählung sei etwa das, was wir einen geschichtlichen Roman nennen, eine Kunstgattung,