Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 35 (1886)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Ein Wort über das jüdische Gebet
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
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114 Ein Wort über daS jüdische Gebet. gab es aber in den altern Zeiten nicht, so mir etwa von den kurzen vorschriftsmäßigen Gebete» beim jährlichen Darbringen der Erstlingsfriichte und beim Entrichten der Zehnten in jedem dritten Jahre absehen. und scheinen die Gebete, durch besondere Umstände veranlaßt, dem jedesmaligen Bedürfnisse der Einzelnen, oder der Gesammtheit entsprochen zu haben. Die Pforten des Tempels waren für einen Jeden, der sein Herz vor Gott ausschütten wollte, um im Gebete Trost und Linderung, bei Gott Heil und Hilfe zu suchen, zu jeder Tageszeit geöffnet, und es betete ein Jeder ohne Gebetbuch nach den Eingebungen des eigenen Herzens. Die Annahme, daß die erste Gebetordnung, der erste Siddur, von dem wir Kunde haben, aus der Mitte des 9. Jahrhunderts von Mar Kohen Zedek den Abima'i Gaon in Sura stamme, dürfte sehr fraglich sein, indem diese Annahme, wie Jemand bereits bemerkte, auf einer unrichtigen Leseart, auf einer Verwechselung des von Bescheiden der Gaonim öfter gebrauchten Ausdruckes ״ שדירer sandte" mit deni ähnlich lautenden ״ סידרer ordnete" zu beruhen scheint; das Sendschreiben des Gaon hat sich übrigens noch erhalten '). Schriftliche Aufzeichnun gen von Gebeten waren jedenfalls noch in der talmudiscben Zeit unbeliebt. In der älteren Zeit sollte das Gebet die religiöse Stimmung äußern, nicht aber erst anregen: denn wie der Gedanke bei dem Einen das Wort erzeugt, das, mitgetheilt und vernommen, in dem Anderen wieder den Gedanken hervorruft, so erzeugt auch bei dem Einen die religiöse Empfindung das Gebet, das in dem Anderen wieder die religiöse Empfindung wecken soll. In der älteren Zeit also erzeugte die Stimmung das Gebet, was das Gemüth bewegte, sollte den Lippen entströmen, was im Innern sich regte, zum Ausdruck gelangen, so wie es ein Jeder vermochte, in jeder Sprache und Redewendung. Bei der Einweihung. des ersten Tempels zu Jerusalem flehte ’) S. Groß, Jhrg. 18 dieser Mschr. S. 449 Anm. 7.