Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 35 (1886)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Ein Wort über das jüdische Gebet
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
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Ein Wort über das jüdische Gebet. 113 keine Erniedrigung erblickt? Hat nicht selbst das deutsche Wort ״Demuth" diese seine Bedeutung der biblichen Anschauungsweise zu verdanken? Welche Nation hat ferner eine Hymne gleich dem 104. Psalm aufzuweisen, der in den einfachsten Worten die erhebendste Schilderung der von Gotteshauch durchwehten Natur entwirft? Von welcher Wärme des Gemüthes, von welcher Tiefe der religiösen Empfindung war wohl der Sänger durchdrungen, als er im 42. und 43. Psalm seine Sehnsucht zu Gott und seinem Heiligthum zu beschwichtigen suchte, deren dreimaliger Refrain lautet: Was bist Du gebeugt, meine Seele, und stürmisch in mir, blicke hinauf zn Gott, denn noch werde ich ihm ein Danklisd anstimmen. Er ist mein Heil, Er ist mein Gott". Mögen einzelne Psalmen in sprachlicher, geschichtlicher Beziehung individuell ge« halten sein, die Gedanken und Gefühle, die dieselben durchziehen, sind allgemein religiös und erheben uns noch heute nach Jahr» tausenden. Es giebt ewige Ideen, stets beseligende heilige Gefühle, und das Volk, das dieselben klar und lauter erfaßt uub Träger derselben geworden, bleibt unvergänglich, unverwüstlich, wie sie selbst. Psalmen bilden daher noch jetzt einen bedeutenden Bestandtheil des jynagogalen Gottesdienstes, indem sie die Tefilla einzuleiten und zu schließen pflegen, und dürften die Psalmen zunl eigentlichen Gebet sich etwa verhalten, wie Poesie zur Prosa» wenn ein Gebet überhaupt zur Prosa gehören kann, oder wie die Begeisterung zur Andacht. Die Psalmen ragen bis in die frühesten Tage hinauf, und bildeten, von den Leviten unter Begleitung von Instrumentalmusik in Chören gesungen, einen nicht unwesentlichen Bestandtheil des Opferrituals; die anwesende Gemeinde betheiligte sich in so fern daran, als sie bei jedem Absätze, jeder Pause, wobei der Trompetenschall ertönte, auf die Kniee fiel. Bestimmte, vorgeschriebene, alltäglich von der Gesammtheit und für dieselbe zu verrichtende Gebete xjxv *. 8