Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 35 (1886)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Ein Wort über das jüdische Gebet
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
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112 Ein Wort über das jüdische Gebet. seelt, als er bei der Betrachtung eines gestirnten Himmels in die Worte ausbrach: Wenn ich Deinen Himmel schaue. Dein Händewerk, Mond und Sterne, die Du festgestellt", wenn ich Deine schöpferische Gotteskraft in der Schöpfung anstaune, wie Du die unermeßlichen Lichtkörper in ihre Bahnen lenkst, und die unzähligen Welten mit Deinem Odem belebst, und von den unzähligen Gebilden und Wesen auf denselben jedes Einzelne so bewunderungswürdig gebaut und gestaltet, so fürsorglich erhältst und pflegst, ״Was ist da der Mensch, daß Du sein gedenkst, der Erdensohn, daß Du auf ihn achtest" und dennoch ist es nicht der Mensch gerade, dem Du es gegönnt hast, in diese Betrachtung der Schöpfung sich zu versenken, um Deine Größe, seine Nichtigkeit zu erkennen, ist er es nicht, der die Welt in seinem Geiste auffängt, vereint und wiederspiegelt, und den Du, Allvater, mit Vernunft begabt hast, daß er Dich in Deinen Werken, das Unsichtbare im Sichtbaren, das Unendliche im Endlichen, bas Ewige im Vergänglichen, den Einen in deni Mannigfachen schaue, und daß er krast seines Geistes, eines so schwachen Abglanzes Deines unendlichen Wesens, die ihn umgebende Natur sich unterwerfe, und zum Herrn über das Erdenrund werde, und begeistert ruft wieder der Sänger aus ״Du!äffest ihn um ein Geringes einem göttlichen Wesen nachstehen, und mit Ehre und Glanz krönest Du ihn". Kann wohl ein solcher Psalm, ein solches Gebet, das den Menschen so demü. thig stimmt, und doch wieder so innig beseelt, dem Herzen besten entströmen, besten Anschauung von der Erhabenheit Gottes getrübt, besten Vorstellung von der Hoheit des Menschen niedrig ist, der Gott zum Menschen herabwürdigt, anstatt den Menschen zu Gott zu erheben? Wer hat den Begriff der von Gottes- und Selbstbewußtsein begleiteten, beglückenden Demuth richtig erfaßt, wenn nicht das jüdische Volk, das die ״ ענוהdie Demuth" als eine hohe Tugend hinstellt, und in ihr keine Schwäche,