Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 34 (1885)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Schicksale des Talmud im Verlaufe der Geschichte
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 531 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829598-2829611-2875894--23225-2875906- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Schicksale des Talmud im Verlaufe der Geschichte. 581 Mensch, wie dieser Papst, verdient, bis aufs Blut verfolgt und von jedem rechtgläubigen Christen todtgeschlagen zu werden". Ein Jahrhundert hatte der Talmud Ruhe. Da trat im Beginne des 16. Jahrhunderts abermals ein-Täufling als Ankläger gegen ihn auf, Johannes Pfefferkorn, ein widriger Ge« selle, ein Metzger, welcher, wegen Diebstahls verurtheilt und eingesperrt, sich dnrch die Taufe rehabilitirte. Seiner bediente sich der Dominikaner-Orden, der mit fanatischer Wuth und mit teuflischer Arglist sich der bigotten Schwester des Kaisers Maximilian bediente, um diesen sonst gerechten Fürsten zu bewegen, die Talmudexemplare bei den Juden confisciren zu lassen. Dieser Vorfall hatte weittragende Folgen. Der König der deutschen Humanisten, Johannes Reuchlin, trat bekanntlich als Vertheidiger des Talmud auf. Dadurch zog er sich den Zorn des ganzen Dominikanerordens zu, der obscuri viri, denen humanistische Bildung eben so verhaßt war wie der Talmud. Dadurch bildete sich der Orden der Humanisten, der, indem er für Reuchlin eintrat, auch den Talmud in Schutz nehmen mußte, Ulrich Hutten, Nuenar, Crotus Rubianus, die Verfasser der epistolae obscurorum virorum, welche die Dunkelmänner mit Spott begossen und alle Gebildete in Europa zur herzlichen Lache reizten. Auch Luther gehörte zu diesem Kreise. Die Reformation entzündete sich an dem Streite für und gegen Reuchlin. Die Kirche hat in diesem Streite für und gegen den Talmud einen unheilbaren Riß erhalten. Die Dominikaner, Hoogstraten und seine Genossen, gaben den Humanisten den Spottnamen T a l m u d i st e n. Es war eine eigene Erscheinung, daß der Humanismus dem Talmud als Schild diente; es war der Liberalismus jener Zeit. Sogar in die Politik spielt die Frage hinein, ob der Talmud verdammenswerth sei und somit die Dominikaner Recht haben, oder ob er verschont werden soll, wie Reuchlin behauptete. Weil der Kaiser Maximilian, wie viele deutsche Fürsten, sich für den