Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 34 (1885)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über die Erbauungs- und Unterhaltungslectüre unserer Altvorderen
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 16)
- Language
- German
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160 Ueber die Erbauungs- und Unterhaltungslectüre nimmt ihn vom anderen, sucht ihm ein eigenes Gepräge zu geben und überliefert ihn wieder einem dritten. Gestatten Sie mir die Erbringung eines Beispiels: Ein Zeitgenosse Casars und Octavians, Conon ') erzählt Folgendes: ״Ein Milesier übergiebt einem Geldwechsler in Teramene ״in Sicilien sein Geld zur Verwahrung. Der Geldwechsler ver- ״weigert dann die Herausgabe. Vor Gericht gezogen, greift er ״zu diesem Mittel: er höhlt ein Rohr aus, legt das Geld hin- ״ein und giebt, während des Schwures, dem Widerpart den ,Stab zu halten. Dieser, ob des Meineides ergrimmt, wirft ״das Rohr voller Wuth von sich. Es zerbricht, und das Geld ״kommt zum Vorschein". Genau dasselbe erzählt der Midrasch, indem er den Beträger בר ובמיון nennt. Mit geringen Modiftcationen kommt dieselbe Erzählung im Talmud vor, wobei der berühmte Raba im 4. nachchristlichen Jahrh. in Babylonien als Richter genannt, ohne daß ihm eine Entscheidung in den Mund gelegt wird. Diese Geschichte aber wird als der Anlaß bezeichnet, warum man vor jedem Eide den Schwörenden vermahnte: ״Wisse, daß wir dich nicht auf die Gedanken deines Herzens vereidigen, sondern auf die Gottes und des Gerichtshofes"! Im 13. Jahrh. wird eben dieselbe Geschichte, etwas weiter gesponnen, zur Verherrlichung des heiligen Nikolaus erzählt mit dem Charakteristikum, daß darin der Betrüger ein Christ, der Betrogene ein Jude ist — der freilich am Schlüsse der Legende zum Ruhme des wunderwirkenden Nikolaus sich taufen läßt. Und merkwürdig genug, diese interconfessionelle Erzählung, die jeder Halachist auf den ersten Blick gleich als Anekdote, als Hagada in der Halacha erkennen muß, wurde jüngst vom ') 3n S. 38 feiner Stvyvffscg. Siehe Gaster in Mntsschr. Jahrg. SS S. 320.