Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 33 (1884)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der synagogale Ritus
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 323 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829584-2829592-2874926--22337-2874969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der synagogale Ritus. 323 erbaute Synagoge ihren Einzug hielt. Was in Sonderheit die Europäischen Juden betrifft, so wußten dieselben, daß sie westlich vom Lande der Väter wohnen. Die Vorderseite ihrer Synagoge mußte demgemäß, — merkwürdiger Weise in Uebereinstimmung mit den christlichen Kirchen *)! — nach Osten gerichtet, und in Folge dessen der Eingang in die Synagoge an der Westseite angebracht sein. So war es die dem Volke liebgewordene Sitte, welche über den Buchstaben des Talmuds triumfirte. Eine Selbsttäuschung ist hier von jeher mit unterlaufen. Denn selbst in den ersten Jahrhunderten nach der Zerstörung des zweiten Tempels, als die jüdische Bevölkerung Europa's auf die südlichern Länder dieses Welttheils beschränkt war, gab es keine jüdische Gemeinde, aus welcher der Zielpunkt einer direkten Richtung nach Osten nicht in ein Land nördlich von Palästina gefallen wäre. Je mehr sich die Juden nach Norden verbreiteten, desto weiter wurde die Kluft zwischen dem wirklichen und vermeintlichen geographischen Verhältniffe ihres Wohnortes zum h. Lande. Der Jrrthum verpflanzte sich von Geschlecht auf Geschlecht. Erst im Anfänge des siebzehnten Jahrhunderts machte R. Mardechai Jafe, der unter Samuel Aboab in Venedig auch weltliche, namentlich mathematische Studien betrieben hatte, auf die südöstliche Lage Palästina's aufmerksam, und forderte, daß bei Synagogenbauten diesem Umstande Rechnung getragen werde. Er unterläßt nicht, zugleich vor der direkten Richtung gen Osten nachdrücklich zu warnen und eine Anleitung zu geben, wie sich durch das Einfallen der Sonnenstrahlen in der Zeit der Frühlings« und Herbstnachtgleiche die südöstliche Richtung gegen Palästina eruiren lasse. (Levusch ha Techeleth 94,5). Er macht ') Ueber die symbolische Bedeutung der Orimtirung der Kirchen findet man wunderlich verschrobene Combinationen in: Kirchenschmuck, ein Archiv für christl. Kunstschöpfungen red. von Laib und Schwarz. Stuttg. 1869 S. 19 ff. 21*