Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 33 (1884)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Der synagogale Ritus
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 9)
- Language
- German
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222 Der synagogale Ritus. offenen Fenstern zu beten pflegte (Dan. 6,11. Ber. 318,). In einer andern Richtung blieb Daniel's Beispiel unbeachtet: Daniel verrichtete nämlich sein Gebet nicht auf einem tiefliegenden Orte, sondern im Obergemache seiner Wohnung! Für die Vermuthung, daß Daniel das Obergemach zur Andachtsstätte gewählt habe, um dem beabsichtigten vis ä vis mit dem höher liegenden Jerusalem näher zu kommen, liegt kein zureichender Grund vor. In das Obergemach pflegte man sich überhaupt zurückzuziehen, so oft man ungestört sein wollte, wie verschiedene Beispiele aus der biblischen und nachbibkischen Zeit beweisen. Im Obergemache ertheilt der Moabiterkönig Eglon Audienzen (Nicht. 3, 20), da beweint David seinen Sohn Absalom (2 Sam. 19, 1), und nimmt Elias in gastfreundlichen Häusern sein Absteigquartir (1 Kön. 17, 19, 2 K. 4,10). In geräumigen Obergemächern hielten Richterkollegien und Synoden ihre Sitzungen. (I. Schebiith 4,1, Sanh. 3, 5, B. Sabb, 13 b, 29 b, Kidd. 40 b, Sanh. 748, Sifre zu 5 M. 11,13). Auch der Akt der Monateinschaltung pflegte in einem Obergemache vollzogen zu werden (Sanh. 118). Als Stätte des Gebetes benützte daffelbe nicht nur Daniel, sondern auch der Wunderthäter Chanina b. Dossa, welcher zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels lebte (Berach. 34 b). Dasselbe berichten von ihren Heroen die christlichen Bekenntnißschriften (Apostelg. 1,13; 10,9), und man wird versucht, hierin den Grund zu finden, weshalb spätere jüdische Schriftgelshrte im Widerspruche mit der herkömmlichen Sitte tiefer liegende Stätten zum Gebete empfahlen. Dieser Gegensatz har fast vorbildliche Bedeutung: je höher das Christenthum in seiner Machtentwicklung stieg, desto tiefer mußte unter seinem Drucke das Judenthum sinken! Daniel's Obergemach war mit Fenstern versehen. Der