Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 31 (1882)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus der Gedächtnißrede am Sterbetage des Stifters des jüdisch-theologischen Seminars, Jonas Fränckel, am 27. Januar
- Date
- 1882-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 2)
- Language
- German
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des i jüdisch-theologischen Seminars/ Jonas Frankel. 123 chen Leben zurück und fanden Befriedigung in der Stille des Lshrhauses. Diese Weisen warnten ihre Jünger eindringlich, sich mit der Tagespolitik zu befassen. Einer dieser Weisen aus der ersten Zeit der herodianischen Regierung, Schemaja, richtete an die Jünger die Ermahnung: ״Liebet das Handwerk, hasset die Herrsch» sucht und meidet die Vertrautheit mit der Tagesmacht". Aber diese Ermahnung wurde von Vielen überhört. Der berechtigte Haß gegen deu Parvenu-König Herodes machte sie taub gegen die Stimme der Weisheit. Sie mischten sich doch in die Politik ein und haben damit der Religion, welcher sie dienen wollten, fast unheilbare Wunden geschlagen. Gestatten Sie mir eine scheinbare Digression von diesem Thema. — Der Talmud ist in der jüngsten Zeit das Stichblatt für Anklagen und Schmähungen der gravirendsten Art für das Judenthum und die Judenheit geworden. Die Schmäher und Ankläger wissen aber vom Talmud nicht mehr als jener französtsche Bischof, welcher ihn für einen Rabbi mit langem, weißem Bart gehalten hat. Diejenigen aber, welche ihn kennen, wissen, daß dieses zwölfbändige Buch mit seinen Annexen und Appendices lautere Moral in deutlichen Aussprüchen, zugespitzten Sen» lenzen und sinnigen Parabeln lehrt. Allerdings ein Fehler haftet dem Talmud an, aber dieser berührt die Außenwelt nicht im Geringsten und hat auch keine Charakterverderbniß für seine Bekenner zur Folge gehabt. Dieser Fehler besteht in einer durchgreifenden Meinungsspaltunq, in einem theoretischen Antagonismus und Widerspruch der Gesetzesautoritäten unter einander, und in der dadurch erzeugten Trübung und Ungewißheit der Ueberlieferung. Dieser Uebelstand wurde bereits im zweiten nachchristlichen Jahrhundert tief empfunden und bitter beklagt, und auch die Veranlassung desselben freimüthig aufgedeckt. Der tannaitische Weise, Rabbi Josö aus Sepphoris, referirt darüber : ״In früherer Zeit herrschte keinerlei Meinungsverschiedenheit in