Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 30 (1881)
- Issue
- Heft 8 (August 1881)
- Article
- Die Anfänge der Vocalzeichen im Hebräischen
- Date
- 1881-08-01
- Page
- Seite 262 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2829132-2829542-2829551-2872976--20409-2873014- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
362 Die Anfänge der Vocalzeichcn im Hebräischen. der Hauptsitz der Nestorianer, hatte eine große jüdische Gemeinde! Kurz, wenn von einer Entlehnung grammatischer Eigenheiten seitens der morgenländischen Inden von den Syrern die Rede sein kann, so könnte es nur von den Nestorianern sein. Aber, wie gesagt, diese sind stets bei dem Punkt-System geblieben, und haben die gräcisirten, d. h. aus Buchstaben herausgebildeten Vocalzeichen völlig ignorirt. Bon den abendländischen Syrern in Emesa, Antiochien und Armenien waren aber die babylonischen Juden räumlich zu entfernt, um von ihnen auzunehmen. Folglich können ihre Schreiber (סופרים) oder Vorleser (קראי) nicht von ihnen ihr Vocal-Zeichen-System angenomnren, sondern müssen es selbständig erdacht und eingeführt haben. Dieses negative Argument, denke ich, ist unwiderleglich. Es scheint sogar, daß die babylonisch-persischen Juden, die Madincha'i, noch vor den abendländischen Syrern oder den Karkaphiten das Buchstabeu-Vocal.System gehabt haben müssen. Ana n , der Stifter des Karäismus, trat 761 auf. Dieser machte es jedem seiner Bekcnntnißgenossen zur Pflicht, selbstständig in der Schrift zu lesen, zu f o r s ch e n und daraus die religiösen Pflichten zu deduciren Seine Hauptlehre, welche das auf Tradition und Autoritäten beruhende rabbanitische"Judenthum um« stürzte, lautete: חפישז באורימא שפיר (von Jephet b. Ali mitgetheilt): ״suchet gründlich in der Thora". Er muß also vorausgesetzt haben, daß jedermann im Stande sei, zu forschen, d. h. zu lesen und den Zusammenhang wie die Bedeutung des Gelesenen zu verstehen. Wer ein Kara, Karäer, sein wollte, mußte den Text geläufig und mit Verständniß lesen können. Aber wie wäre das ohne Vocalzeichen möglich gewesen? Ohne diese konnten allenfalls die Geübten den Text verstehen, aber nicht Jedermann. Folglich miisse» im Morgenlande, d. h. in der Euphrat- und Tigrisgegend um 760 bereits die Vocalzeichen mit allen Chikanen eiugcführt und