Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 30 (1881)
- Issue
- Heft 8 (August 1881)
- Article
- Jacob Bernays
- Date
- 1881-08-01
- Page
- Seite 246 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829542-2829551-2872975--20392-2872998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
346 Jacob Bernays. Thür offen gelassen hatte, kann es nicht Wunder nehmen, daß die, welche nach ihin kamen, nun gar die Wände umstürzten." Seine eigene Erklärung von Katharsis begründet er aus dem medicinischen Sprachgebrauch und fährt dann fort: ״Möge Niemand in voreiliger Zimperlichkeit die Nase rümpfen über vermeintliches Herabziehen der Aesthetik in das medicinische Gebiet. Unsere Aufgabe ist es zunächst nicht, eine an und für sich vollkommene Definition von Tragödie aufzustellen, sondern die Bedeutung der Wörter, welche Aristoteles in seiner Definition verwendet, zu ermitteln auf dem Wege methodischer Hermeueutik. Führt uns dieser Weg, ehe er in den Hain der Musen mündet, am Tempel des Aesculap vorüber, so ist dies für Kenner des Stagiriten nur ein Beweis mehr, daß wir in den richtigen Spuren gehen." Wie energisch schön ist der Satz: daß es gar nicht der Unantastbarkeit des Genies, wie sie einen Göthe, einen Plato schützte, sondern nur der gewöhnlichen Ehrlichleit zu dem Bekenntniß bedarf, daß man eine solche moralische Wirkung von Tragödien unmittelbar nicht verspüre, um so weniger verspüre, je besser die Tragödien sind; Lessing hätte sich durch die Eile, welche ihn in der Dramaturgie vorwärts treibt, von der Verpflichtung, die moralischen Tendenzen der großen Tragödien durch Analyse nachzuweisen, für entbunden erachtet, ״aber seine Nachfolger, die keine Eile hatten, haben diese Analysen nachgeliefert, mit welchem Erfolg, mag jeder selbst entscheiden, der es über sich gewinnen kann, der folternden Katechese beizuwohnen, welche dann nach einem Moralkompendium des achtzehnten oder neunzehnten Jahrhunderts angestellt wird mit der gewaltigen Muse des Aeschylus, welche alle derartige Moral überragt, mit der milden des Sophokles, welche alle derartige Moral übersieht, und mit der leidenschaftlichen des EuripideS, welche alle derartige Moral übertäubt."