Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 29 (1880)
- Issue
- Heft 8 (August 1880)
- Article
- Shylock in der Sage, im Drama und in der Geschichte
- Date
- 1880-08-01
- Page
- Seite 348 (sequence 12)
- Language
- German
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348 Shylock in bet Sage, im Drama und in der Geschichte. der Legende), einem Juden diese teuflische Nolle in seiner Novelle beizulegen? Das chronologische Datum führt uns auf die Spur. Er schrieb drei Jahrzehnte nach dem schwarzen Tod, der Pest, welche Millionen hinraffte, aber die Juden so ziemlich verschonte. Darum wurden sie allüberall der Brunnen- und Ouellenvergistung angcklagt und allüberall hingeschlachtet. So wahnwitzig dieser,Wahn auch war, so wurde er doch von den Meisten geglaubt, ja er schien als ein gerichtlich beurkundeteS Faktum bestätigt, da manche Juden unter der Folterqual die Vergiftung eingcstanden hatten. Seit dieser Zeit traute die Christenheit den Juden jede teuflische Bosheit zu•). Diesen Umstand benutzte Fiorentino für die logische Motivirung seiner Novelle, um den Mittelpunkt der Erzählung poetisch wahrschein׳ lich zu machen. Der erste beste Kaufmann sollte auf AuSschnei« den eines Stückes Fleisch von einen! Ritter lieblos bestanden haben, oder gar ein Christ sollte von einem Christen so etwas verlangt haben, oder gar ein Bruder vom andern? Wie unwahrscheinlich! Nein, ein Jude war'S. Um sich an den! Schmerz eines Christen zu weiden, hat ist die Bedingung gestellt und hart auf der Ausführung bestanden. Es kann kein Zweifel darüber sein, daß die Beschuldigung der Qnellenvergiftung und anderer seit der Zeit den Jude» zur Last gelegten Ungeheuerlichkeiten den Verfasser der Novelle daraus geführt hat, den ״falso Giudeo“ hineinzuziehen, um die Gemüthsverhärtung eines Gläubigers bis zu diesein Grade zu motiviren. Sämmtliche Legenden von der Fleischverpfändung ohne Betheiligung eines Juden sind älter •) L. Deslongchamps bemerkt richtig: La pensde de faire jouer un pateil r6le ä uii juif, eat ie resultat des iddes que i’on avait au moyeiis &ge 8ur ce peuplo maudit des chrcticn et porsecutd par eux. Aber diese Begriffsverwirrung und dieser Wahn ist erst in Folge des schwarzen Todes so allgemein geworden, dab die Fabeldichter es als Motiv, gebrauchen tonnten.