Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 29 (1880)
- Issue
- Heft 8 (August 1880)
- Article
- Shylock in der Sage, im Drama und in der Geschichte
- Date
- 1880-08-01
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
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339 Shylock in der Sage» im Drama und in der Geschichte. dazu geführt wurde, einen jüdischen Shylock zum Abscheu aller Menschen auf die Bühne zu bringen. Es ist nicht uninteressant, das Wachsthum dieser Figur zu verfolgen und zu beobachten^» wie aus einem Nichts ein Monstrum geworden ist. Der dünne Faden zu diesem Knäuel ist aus einer roman« haften Erzählung gesponnen, welche mannigfache Phasen durchgemacht hat. In allen ursprünglichen Legenden ist bei allen Bariationen derjenige, welcher sich ein Stück Fleisch von einem Schuldner verpfänden läßt, durchaus ohne conMfionellen Charakter, oder er ist Heide oder Christ. DaS Gemeinsame in den verschiedeneir Versionen ist, daß derjenige, welcher einen Theil seines LeibeS verpfändet, (zuerst ein Ritter und dann ein Kauf« mann) das Darlehn braucht, um die Liebe einer Schönen zu gewinnen, welche bald stolz, bald habsüchtig, bald Zauberin, bald pfiffig ist. Diese Schöne führt zum Schlüsse die Entwickelung herbei, daß sie in männlicher Verkleidung als Richter oder Anwalt es dahin bringt, daß der Gläubiger von der Forderung des iltiu verpfändeten Fleisches abstehen muß. Dieses wenig interessante Einerlei hat erst ein italienischer Schriftsteller durch ronranhafte Ausschmückung ein wenig anziehend gemacht und nicht gerade in feindlicher Absicht die Figur des confessionslosen Gläubigers zum Inden uingestempelt. Die Zeitstimmung hat ihn darauf geführt. War Shylock einmal judaisirt, so konnte er seine Confessionalität nicht mehr los werden, und wurde Ausgangspunkt für Deklamationen mit ehrlicher oder heuchlerischer moralischer Entrüstung. In dieser Gestalt hat ihn Shakespeare überkommen. Ein tragisch-dramatischer Vorgang unter seinen Augen, von dem bisher so gut wie nichts bekannt geworden ist, hat den großen englischen Dramatiker aus einem Grunde, welcher psychologischer Erörterung bedarf, veranlaßt, Shylock und mit ihm die Juden zlt brandmarken. Die Schöpfung des Shylock steht in bisher kaum geahntein Zusammenhang mit den Zwangstausen der Juden