Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 26 (1877)
- Issue
- Heft 6
- Article
- George Eliot und das Judenthum
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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George Eliot und das Judenthum. 259 habe, so kann man dies hier am deutlichsten wahrnehmen, wo die Liebe zu Eltern und Geschwistern in einem herrlichen Menschenkinde wahrhaft Gestalt angenommen zu haben scheint. Und dieses kindliche Gemüth hat sich in der Sturmfluth der rauhesten Lebenserfahrungen erhalten, ist durch Kämpfe unversehrt hindurchgeschritten, welche das schwache Mädchen bis hart an den Rand eines Selbstmordes durch Ertränken gebracht hatten. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt erscheint die kleine Jüdin in ihrer Tiefe nnd Innigkeit neben der Leere und Gedankenlosigkeit, die sich in so vielen ihrer gebildeten und wohlerzogenen Gespielinnen breitmacht. Wann wäre die Dankbarkeit eines Mädchenherzens zarter dargestellt worden als in Mirah Cohen oder, wie ihr Vater sich nannte, Lapidoth? Sie kann es bis ans Ende nicht fassen, daß sie Deronda etwas sein solle, und nur schüchtern und halb unbewußt regt sich die Eifersucht gegen Gwendolen, deren Anklammerung an Deronda ihr wenig gefallen will. Mit der Wahrheitsliebe, die stets den Genius auszeichnet, wagt es George Eliot unverblümt der englischen Gesellschaft vorzuwerfen, daß sie eine solche trotz ihres Bühnenlebens keusch und zart gebliebene Erscheinung, an der sogar die durchaus erwartete ״jüdische Frechheit" vermißt wird, kaum zu begreifen vermöge. Nicht einseitige Vorliebe, parteiische Verblendung hat hier die Farben aufgetragen; die Bedeutung und Wahrheit dieser Typen wird erst durch die Gerechtigkeit klargestellt, mit der George Eliot in dem Lichtbilde, das sie vom jüdischen Volke entwarfen, auch leisere und sogar tiefe Schatten nicht hat fehlen lasten. Von unnachahmlicher Lieblichkeit sind die kleinen, wie hingeworfenen Züge, in denen sie z. B. die Beschränktheit der Lebensverhältniste, das Berechnende und Geschäftsmäßige selbst in der Gefühlsäußerung an der jüdischen Familie Esra Cohens kennzeichnet. Freilich fehlt dieser Geißelung die Bitterkeit des 17*