Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 26 (1877)
- Issue
- Heft 6
- Article
- George Eliot und das Judenthum
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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288 George Eliot und das Judenthum. erhabensten Gesichten die Rückkehr aus der babylonischen Gefangeuschaft verkündeten, den geliebten Boden der Heimath nicht betreten und wie ewig vorherbestimmend bleibt für die Vorkämpfer des Geistes das Bild Mose's, dem es nur aus der Ferne das Land zu schauen vergönnt ist, das seine Erfolge zu krönen, sein Lebenswerk zu beschließen bestimmt schien. Die bewunderungswürdige Vielseitigkeit der Dichterin, die ebenso sicher die Kleinmalerei des kindlichen Stilllebens Handhabt, wie sie die brennendsten Farben der höchsten Leidenschaften, den Sturm des wildbewegten Lebens meistert, offenbart sich auch darin, daß sie zwischen den zwei buntfarbigen Gewächsen Deronda und Mardochai das bescheidene, aber liebliche und duftige Blümlein Mirah erblühen ließ. Wie ein schmelzender Laut unter mächtig erbrausenden Tönen, so tritt unter den hinreißenden Gefühlen und aufregenden Gedanken dieser Männer die Liebe zu diesem Inbegriff aller Zartheit auf. Auch diese Blume im Bilde festzuhalten war nur einer Meisterhand verstattet. Der Bericht, den sie ihrer Beschützerin, Frau Meyrick, über ihr Wanderleben mit dem leichtsinnigen und verkommenen Vater, über die versittlichende Macht der Erinnerung an ihre Mutter, über die unverwüstliche Kraft, mit der die Liebe gu ihrem Volke und Glauben stets von Neuem in ihrem Herzen hervorbricht, in biblischer, schlichter, aber zu Herzen dringender Sprache entwirft, ist allein schon eine werthvolle Urkunde zur Bestätigung des oft unbewußten Einflusses, den das Judenthum immer noch auf die Gemüther seiner Bekenner übt. Vor der geistgewürzten Kürze und Gefühlsinnigkeit, mit der das herzgewinuende jüdische Mädchen erzählt, zerrinnen wie Nebel alle Vorurtheile; der milden Gluth gegenüber, mit der sie das Judenthum im treuen Innersten hegt und bewahrt, müssen alle Bekehrungsversuche bald verstummen. Wenn Zunz einmal vom Judenthume sagt, daß es die Familienliebe plastisch dargestellt