Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 26 (1877)
- Issue
- Heft 5
- Article
- George Eliot und das Judenthum
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829486-2829492-2869961--17461-2869999- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
224 George Eliot und das Judenthum. kung erscheint, wenn man das deutsche Lichtbild auf dem Hintergrunde der verderbten römischen Gesellschaft jener Zeit erblickt, so verhalten sich die beiden Geschichten in Daniel Deronda als Gegenbilder zn einander, die sich gegenseitig beleuchten und erklären. Natürlich hat die Dichterin den Fehler nicht begangen, dieses Verhältniß als ihre ausdrückliche Absicht zu bezeichnen und in plumper Deutlichkeit ein Bild dem anderen gegenüberzuhalten. Ihre Schöpfung gehört zu jener ernsteren Kunstgattung, die ihre Genüsse nur der gesammelten Betrachtung erschließt, die größere Tiefe des Eindringens durch zunehmendes Entzücken belohnt. In der That ist diese Gegen- Überstellung für den denkenden Beobachter eine unerschöpfliche Quelle fruchtbarer Bemerkungen, erfreuender Wahrnehmungen. Man braucht bei einer genialen Schöpfung nicht zu fiirchten, daß man all zu viel darin sehen und finden wolle, denn es ist wirklich alles das und jedenfalls mehr darin, als selbst dem Urheber während des Schaffens klar geworden sein mag; es ist ein erträglicher Vorwurf, in ein Kunstwerk etwas hineingelesen zu haben, denn sicher hat der Genius mehr darin ״hineingeheimnißt", als die Oberfläche zu verrathen scheint. Was die Alten von der heiligen Schrift sagten, gilt auch von bedeutenden Dichtungen: neben dem Sinn auf der Oberfläche ist ein Sinn in der Tiefe darin anzutreffen. Es wird in solchem Geiste selbst die Allegorese eines Gedichtes ihre Berechtigung haben. Es wäre eine Uebertreibung zu behaupten, daß auf die zwei Kreise, die sich um Deronda und Gwendolen als Mittelpunkte legen,Licht und Schatten einseitig in der Weise vertheilt seien, daß alles Licht um den Ersteren, aller Schatten um die Letztere sich versammelt; aber leugnen kann man es nicht, daß die Sittlichkeit im Kreise Deronda's größer, der Lebensinhalt tiefer und inniger ist. M i r a h und Gwendolen, schärfere Gegensätze können nicht gedacht werden. Während jene, die Jüdin, inmitten der