Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 26 (1877)
- Issue
- Heft 5
- Article
- George Eliot und das Judenthum
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829486-2829492-2869961--17458-2869996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
George Mot und das Judenthum. 221 lich, niedrig, so wird der Leser sich die Vorstellung bilden, der Dichter habe sie als aus der Quelle des Judenthums fließende Untugenden und Laster hervorheben wollen; so steigert jedes Zerrbild eines Juden den schlummernden oder lauernden Judenhaß. Haben nun, wie es meistens der Fall ist, die gezeich- Men Schwächen und Sünden mit dem Judenthum schlechterdings nichts zu thun, in dessen Kerbholz sie aber nichtsdestoweniger eingeschnitten werden, dann hat der Dichter zum Anwalt einer Ruchlosigkeit, zuni Anschürer niederer Leidenschaften, zum Verläumder und Lügner fiel) erniedrigt. Wer vom Judenthum nichts anderes als krumme Nasen, verderbte Sprache, Wucher und schmutzigen Geiz auszusagen weiß, den kann aller poetische Firniß von dem Vorwurf barer Rohheit nicht entlasten. In einem Lande, das den Ruhm für sich in Anspruch nehmen kann, ans dem Judenhaß eine wahre Wissenschaft gemacht zu haben, in dessen älterem Schriftthum, wie Zunz aus Grimm's Wörterbuche nachweist (Ges. Schr. lll, 286) ״die Belegstellen für veraltete und vergessene Wörter, sofern sie Juden berühren, Spott und Verachtung ausdrücken", konnte es nicht fehlen, daß selbst bei seinen neueren Dichtern solche Erniedrignng der Poesie zum Zwecke der Feindschaft und der Verhetzung gegen die Juden ihre Beispiele hat. Haftet doch selbst an dem Andenken Gustav Freytag's das Schandmal: VeitelJtzig! Aber ebenso wie die Verzerrung ungerecht und verwerflich, ist die Erhebung und veredelnde Übertreibung eines jüdischen Charakters werthlos und herausfordernd, wenn nicht das eigenthümlich Jüdische aufgewiesen, wenn nicht gezeigt wird, wie hinter den Vor- ׳ zögen der vorgeführten Gestalt als triebkräftiger Urgrund das Judenthum steht. Dem Dichter liegt es ob, in die Werkstätte des Charakters uns einzuführen, zum Quellpunkte der Leidenschäften und Entschließungen uns Vordringen zu lassen; die bloße Bezeichnung: ״jüdisch" erklärt noch gar nichts und enthält weder