Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 26 (1877)
- Issue
- Heft 4
- Article
- George Eliot und das Judenthum
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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184 George Eliot und das Judenthum. auf die poetische Darstellung geistiger Mächte und Erscheinungen anwenden. Auch diese dürfen nicht zergliedert und stückweise vorgeführt werden, sie müssen vielmehr in den Einflüssen auftreterl, welche sie auf Menschen üben, in den Antrieben sich äußern, welche für den Charakter in ihnen gelegen sind. Von einen! Genie wie George Eliot war darum nicht zu erwarten, daß sie in einer Dichtung ein Lehrbuch des Judenthums, eine Besprechung seiner Vorzüge, eine Unterscheidung zwischen ihm und anderen Religionen liefern werde. Nicht Begriffe, sondern Menschen von Fleisch und Blut, in denen diese Begriffe bewußt und unbewußt arbeiten und wirken, werden uns vorgeführt, wir sehen nicht das Bekenntniß, sondern die Bekenner, nicht den Glauben, sondern die in ihm Erzogenen. Nur eine Dichterin, die Ueberzeugungen in Triebfedern, Gedanken inNervenkra ft umzusetzen versteht, hat es wagen dürfen,ein derMehrzahl der Gebildeten bis zur Unverständlichkeit fremd gewordenes Gefühl, wie die Sehnsucht nach der Aufrichtung des jüdischen Reiches, zur Seele ihrer Schöpfung zu machen. Ob ein Gedanke wahr ist oder falsch, ob ein Gefühl berechtigt ist oder nicht, das kommt zunächst bei der Betrachtung eines Kunstwerks nicht in Frage; es handelt sich allein dabei darum, ob es der Dichtung gelungen ist, die ergreifende Gewalt dieses Gedankens anschaulich zu machen, die unwiderstehliche Herrschaft dieses Gefühls uns vor die Seele zu führen. George Eliot hat dafür Sorge getragen, daß ihre Gestalten wahr seien; kein Fühlender wird ihr darin widersprechen können, daß selbst diese vielbelächelte palästinenfische Sehnsucht ein Menschenleben mit dem erhebendsten und hinreißendsten Inhalt zu erfüllen gar wohl geeignet ist. Diese Sehnsucht nach einer Zukunft Israels als Nation bildet den geistigen Mittelpunkt, das Herz ihres Buches. Sie hat sich selbst hierüber mit aller nur swünschenswerthen Deutlichkeit zusammenhängend ausgesprochen, und da es vermeffen