Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 26 (1877)
- Issue
- Heft 4
- Article
- George Eliot und das Judenthum
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829486-2829491-2869903--17409-2869942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
176 Ge srge Eli st und das Judenthunt. auch keine Anklage gegen die Juden daraus abzuleiten sein, wenn die Behauptung aufgestellt wird, daß sie im Großen und Ganzen bisher ohne ein deutlichesBewußtsein von ihrem nationalen Berufe in unentwegter Treue ihrer Lehre angehangen haben. Sie schirmten ein Vermächtniß, über dessen Eigenart sie nicht klügelten, dessen Zukunft ihnen über allen Zweifel erhaben war und sicher stand. Aber mehr als bloß eine Religion war das Judenthum seinen Bekennern zu allen Zeiten sicherlich. Es war ihnen eben nicht nur das Mittel, ihr übersinnliches Bedürfniß zu befriedigen, die Weise, sich mit dem Hinimel in ein Verhältniß zu setzen, sondern auch der Einiguugspunkt in der Zerstreuung, die verpflichtende Verfassung ihres zertrümmerten, aber selbst in der Verbannung geheimltißvoll fortlebenden Geineinwesens. Neben aller Anhänglichkeit an das jeweilige Land ihrer Geburt, lebte in ihren Herzen das Gefühl der verlorenen Heimath, zu der sie ein stilles Sehnen in Herzentströmten Liedern und Gebeten, aber niemals in aufrührerischen und verrätherischeu Befreiungsgelüsten, in Wünschen und Hoffnungen, aber nicht in Thaten und Versuchen hinzog. Die Vermischung mit den Völkern der Erde war bei ihnen verpönt, selbst wenn die Landesgesetze sie ihnen gestattet hätten; sie haden darum neben ihrer alten Lehre die alten Gesichtszüge auf die Nachwelt gebracht. Man darf bei dieser Untersuchung nicht übersehen, daß der Gedanke der Nationalität in seiner antiken Schärfe erst in diesem Jahrhundert wieder aufgelebt ist, und daß es noch am Ausgang des vorigen Jahrhunderts als die Blüthe der Entwicklung galt, die nationale Beschränktheit durch die Ahnung des allgemeinen Menschenthums überwunden zu haben. Das Mittelalter, das in der alten Welt noch über die Zeit der französischen Revolution hinausreicht, war nicht in unserem Sinne national; man kann darum von den Juden nicht verlangen, was ihrer ganzen Um-