Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 23 (1874)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zur Halachakritik
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 225 (sequence 3)
- Language
- German
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Gemara zur babylonischen. 225 auftretenden extrenien Richtungen inr Judenthum Front zu machen. Wie inr Leben die eine Partei starres Festhalten an jeden auch noch sosehr veralteten Brauch auf ihre Fahne schrieb, die andere alle überkommenen Satzungen mit ungebundener Freiheit niederreißen wollte, so zeigte sich auch dieser schroffe Gegensatz in der Wissenschaft. Während jene jede geschichtliche Entwickelung in der Halacha lüugnete, den Schulchan Aruch, wir möchten sagen nrit dem Pentateuch — dem geheiligten Gottesworte — auf eure Stufe stellte, übte diese eine gleiche willkürliche unbarmherzige Kritik gegen die geheiligter! und ehrwürdigen Denkmäler der jüdischen Literatur.l) Wie das ganze Streben Geiger's von der Tendenz getragen wird, so sollten auch unsere alten Lehrer Tendenzkritiker gervesen sein. Aus dem Sterben nach Reform soll ״ die!reue Halacha" ״die alte Halacha" verdrängt haben, damit der neue Reformheld die ganze Halacha über den Haufen werfen könne. Dabei wurden diese falsche Lehren mit einem Hochmuthe vorgetragen, unseren großen Lehrern solche niedrige Absichten untergeschoben, daß Frankel von diesem widerwärtigen Treiben zurückgeschreckt an dem iiberlieferten Kanon der gaonäischen Chronik nicht rütteln wollte und sich überhaupt hüthete, durch Annahme von Enrendationen die besprochene Schwierigkeit zu lösen. Bei der Pietät, die er für unsere ״Weisen" an den Tag legte, glaubte er, es fiele ein Schatten auf ihre Ehre, wenn man annimmt, die babylonischen Amoraim hätten die Tosifta emendirt, und die Gaonen würden in unserer Achtung sinken, wenn ihre Berichte betreffs der Entstehung der Mischna nicht auf Treu und Glauben hiirgenornmen würden. Aber die Hitze des Streites hat sich jetzt gelegt, eine ruhige besonnene Forschung ') Beide extremen Richtungen heben im Grunde den bis jetzt anerkannten Unterschied zwischen schriftlicher und mündlicher Lehre auf. Die eine verleiht dem mündlichen Gesetze den Charakter des geschriebenen (der תורה), die andere wandelt die schriftliche Lehre in mündliche NM, ändert da wie dort nach Tendenz. Frankel, Monatsschrift xxilt 4. 15