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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1873-01-01 · Heft 5 · p. Seite 206

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
22 (1873)
Issue
Heft 5
Article
Ein charakteristischer Psalm
Date
1873-01-01
Page
Seite 206 (sequence 4)
Language
German
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206 Ein charakteristischer Psalm. senschaftlich gebildet die alten Israeliten, wie überhaupt alle Völ-?er der alten Welt waren. Die Religionen, besonders die weithistorischen, sind keine Erfindungen, sondern Manifestationen des Geistes der Racen und Völker, unmittelbare Offenbarungen des höchsten Lebens. Das Selbstgefühl der Israeliten, ihr Glaube an ihren hohen sittlich-religiösen oder sozialen Beruf, war keine subjective Eitelkeit, kein unberechtigter Hochnmth, sondern hatte einen ebenso objektiven, thatsächlichen, zwingenden Grund, wie das Selbstgefühl der Griechen, welche alle andern Völker für Bar-' baren hielten. Israeliten und Griechen kannten sich übrigens lange Zeit gegenseitig nicht, und als sie sich endlich kennen lernten, entstanden zwischen ihnen Conflicte, die mit dem Untergange der ganzen antiken Civilisation und Weltanschauung endeten, weil beide auserwählte Völker, jedes in seiner Art, einen gleich berechtigten welthistorischen Beruf hatten, der erst nach zweitausendjährigen Kämpfen in der mo d er n e n Humanität seine Versöhnung findet. 5) Als wesentliches Resultat der semitischen uud arischen Culten bleibt schließlich für eine objectiv - wissenschaftliche Geschichtsforschung Folgendes: In ihren klassischen Vertretern hatten die Semiten das menschliche Leben zu versittlichen uud heiligen, die Arier, es zu verschönen und zu erklären gestrebt. Jene hatten an der Welt ein praktisches, diese hatten an ihr ein theoretisches Interesse. — Daß bei ordinären Menschen und Völkern das Praktische in das Egoistische, das Theoretische oder Contemplative in Blasirtheit oder Genußsucht nmschlägt, hat keine weltgeschichtliche, keine sozial e Bedeutung, gehört der individuellen Sphäre an; es hat ursprünglich nichts mit dein Charakter der Mythologie der beiden welthistorischen Racen zu schaffen, und gewinnt höchstens eine negative soziale Bedeutung in der Epoche der Rückbildung und Auflösung, des Verfalles der antiken Mythologien. — Es ist schon anderweitig nachgewiesen worden, weshalb diese Epoche früher eintreten mußte für die arische, als für die semitische Mythologie, die sich noch während der ganzen Zeit des christlichen Mittelalters fortentwickelte. Was verschlägt es, daß die Semiten ihre Götter in die Sterne, und ihren höchsten Gott über die Sterne versetzten,

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