Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 22 (1873)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eine neue Charakteristik der Semiten
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 12)
- Language
- German
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142 Eine neue Charakteristik der Semiten. die diese Lehre einschärfen. Ja, selbst im Koran giebt es eine Menge Stellen, wo vorzugsweise das Almosengeben als eine der höchsten Pflichten vorgeschrieben wird. Und in der Praxis werden diese Lehren von den Semiten eifriger geübt, als von den Ariern, obgleich diese bei jenen hierin in die Schule gingen. Die Wohlthätigkeit der Juden im europäischen Westen ist fast sprichwörtlich, so daß vorurthrilsfreie Christen mit Beschämung darauf Hinweisen. Hetzjagden sind dem Juden ein Greuel und auch das Angeln liebt er nicht. Bei den Muhammedanern spielt das Almosengeben eine große Rolle und fromme Moslims beeifern sich, Hospitäler zu erbauen, Karavanseraien für Reisende zu errichten und Brunnen an Landstraßen anzulegen. Tie Neigung zum Idealismus bei den Semiten zeigt sich schon in den Gestalten des dichtenden und verherrlichenden Volksgeistes. Den Stoff in den Heldensagen und Epopöen der Arier bilden Helden und Heldenthum, Kriege und Schlachten; der Held in der semitischen Sagenwelt ist ein Weiser, ein Prophet, ein Heiliger und das Thema: Weisheit und Frömmigkeit. Ebenso war das vorzüglichste Attribut eiues idealen Königs bei den Ariern Tapferkeit, bei den Semiten Weisheit, Gerechtigkeit und Frömmigkeit. Auch die Maccabäer wurden nicht deswegen verehrt, weil sie als Helden gekämpft, sondern wegen der Idee, für welche sie gekämpft hatten. — Bei dieser geistigen Richtung war den Semiten der Krieg als solcher niemals an und für sich Zweck; bei den Ariern ist dies leider nicht der Fall, der Arier fand und findet zum Theil noch jetzt eine Lust, eine gewisse Freude am Kriege. — Bei einer Race, welche geistige Güter so sehr zu schätzen wußte, mußten sich natürlich häufiger Märtyrer für eine Idee als bei andern Racen finden. Die Juden waren zur Zeit der ersten Maccabäer die ersten und einzigen in der alten Welt, die bereit waren, maffenhaft für eine abstrakte Idee zu sterben. Was die Juden bis auf die neueste Zeit für ihre Religion gelitten haben, ist bekannt. Auch die Araber haben viele fanatische, begeisterte Märtyrer des Glaubens gehabt. Bei den Ariern hat das Märtyrerthum für eine Idee vorzugsweise erst mit dem von Semiten gepredigten Christenthum begonnen. — Das Schulwesen spielte bei den Semiten fast zu allen Zeiten und spielt zum Theil noch jetzt