Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 22 (1873)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eine neue Charakteristik der Semiten
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 10)
- Language
- German
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HO Eine neue Charakteristik der Semiten. in einigen bezeichnenden Erscheinungen des Judenthums und der andern monoth. Religion, die ebenfalls von Semiten gegründet und verbreitet wurde, des Islams, zu Tage tritt. Aus ihm erklärt sich , warum Prophet und Prophetenthum nur bei Semiten Vorkommen. Der arische Seher war ein Mann, der sich durch äußere oder innere Erregung in einen exaltirten Zustand brachte und sich gewissermaßen in die Gottheit versenkte, oder mit derselben in Traumgesichten verkehrte. Der semitische Prophet dagegen war eine scharf ausgeprägte menschliche Jndividualität, welche einer ebenfalls scharf ausgeprägten göttlichen Jndiv. entgegen trat, mit derselben ganz direkt verkehrte, mit der Gottheit unterhandelte, ja dieselbe oft geradezu zur Rede stellte. — Die Lehre vom Fatum, das auch über der Gottheit stünde, hat sich bei den Semiten nie entwickelt; ihnen kann sich Gott frei bewegen und thun was er will. Ebenso hat andererseits die Lehre vom freien Willen des Menschen bei den Semiten am meisten Verbreitung gefunden. — Von der Zeit an, wo die Lehre von der Unsterblichkeit unter den Semiten verbreitet wurde, herrschte bei denselben der Glaube an eine i n d i v id u e l l e Fortexistenz nach dem Tode. Bei ben Ariern. wurde diese Lehre entweder grob materiell aufgefaßt, wie von den Griechen und Römern, oder die Unsterblichkeit wurde von ihnen als das Aufgehen des Individuums im All wie das eines Tropfens im Meere — Nirwana der Buddhisten, Fanü der muh. Perser — gedacht und ersehnt. Der Semite dagegen, wie er sich von Staate nicht absorbiren ließ, so fand er an einem Aufgehen und Verschwinden im All kein Wohlgefallen. — Noch viel we- Niger fand der echte Semite — dessen Blut sich nicht mit arischen Blut vermischt hat, wie dieses bei den spätern Syrern der Fall war, — an Askese und Mönchthum Gefallen. Zu ersterer verspürten die Semiten im Ganzen wenig Neigung, wenn sie auch bei ihnen dann und wann vorkam; letzteres war ihnen ein Greuel. — Folge der ausgeprägten Individualität ist auch der Mangel au bindenden Dogmen. Es giebt wol im Judenthum wie im Islam gewisse Grundlehren, von denen man nicht abweichen darf, aber es wird nur ihre Anerkennung im Allgemeinen verlangt; wie sie aufzufassen und zu präcisiren sind, Ivurde mehr oder minder jedem Einzelnen überlassen.