Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 22 (1873)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eine neue Charakteristik der Semiten
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 9)
- Language
- German
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Eine neue Charakteristik der Semiten. 189 sind bei den Semiten total verschiedene, scharf getrennte Begriffe. Vergötterung der abstrakten Naturkräfte kommt bei ihnen fast gar nicht vor. Die Gottheiten der Semiten sind nicht verschwommene Gestalten, sondern scharf ausgeprägte Persönlichkeiten, wie die Semiten selbst es sind. Bei den Ariern dagegen drückt sich der Gottesbegriff gerade umgekehrt in Pantheismus und Polytheismus aus, welcher Letztere nichts Anderes als eine Vergütterung abstrakter Naturkräfte ist. Selbst monotheistisch gewordene Arier, wie die Perser, zeigen viel Neigung zunl Pantheismus, was aus der Geschichte des Suftsmus genügend hervorgeht. — Aehnlich unterscheiden sich die Schöpfungstheorien bei den Völkerklassen. Auch die polytheistischen Semiten faßten die Schöpfung als einen freien, persönlichen Akt der Gottheit auf. Bei den Ariern dagegen fließt Kosmogonie und Theogonie in einander; die Schöpfung wird als Selbsterzeugung und Selbstentwickelung der Welt aufgefaßt. Bei Semiten ist die Schöpfung eine xrim■:, creatura, bei den Ariern eine cpvaig, natura ober genitura. — Wie zwischen Schöpfer und Schöpfung, herrschte bei den Semiten eine scharfe Abgrenzung zwischen Gott und dem Menschen. Heroencultus und göttliche Menschenverehrung überhaupt kommt daher bei den Semiten äußerst selten vor. Bei den Ariern dagegen bildete der Weg voin untersten Menschen bis zum höchsten Gott nur eine gradatim aufsteigende Stufenfolge, so daß Gott und Mensch ganz zusammenfließen. Die Lehre der Jncarnation war und ist unter den Ariern weit verbreitet, sogar unter den muhammedanischen Persern. Man sieht jetzt leicht ein, warum ein semitisckes Volk dazu erlesen ward, um als Träger des reinen Monotheismus in der Weltgeschichte zu wirken. Nicht Geistesarmuth, und Beschränktheit, wie Rönan behauptet hat und ihm unzählige Mal nachgesprochen wurde'), sind der Boden, auf dem die reine zur Weltherrschaft bestimmte Gottesidee erwuchs, sondern die scharf ausgeprägte Individualität eines semitischen Volkes. Unserm Verfasser gelingt es nachzuweisen, wie dieser Charakterzug auch ') Noch in der jüngsten Zeit erlaubt sich ein auch sonst nicht ganz klarer Vertheidiger Straussens, Th. Ziegler, folgende Aeußerung: ״Das jüdische Volk war steril genug, nur einen einzigen Gott zu erfinde n (?!),'׳ Ausbg. Mg, Z. Jhg. 1872 Nr. 365,