Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 22 (1873)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eine neue Charakteristik der Semiten
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 6)
- Language
- German
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136 Eine neue Charakteristik der Semiten. rer Zeit. Alfred v. Kremer hat nachgewiesen, daß die Araber alle Phasen der Philosophie von Scotns Engen« bis auf Kant und Schelling durchgemacht, und er fragt mit Recht nach Aufzählung aller Ansichten der christlich-europäischen Philosophen über Gott: Sind alle diese Deduktionen klarer, als die der islamitischen Denker, bereichern sie den Kreis der menschlichen Vorstellungen mit einem positiven Begriffe? — Die Ethik der Semiten krystallisirte sich gleichsam in einfachen und praktischen Sprüchen, und die Semiten sind auf diese Weise zu viel gesündern Resultaten gelangt, als die Griechen mit ihrer so sehr entwickelten Dialektik. Die Kunst der Semiten ist ihrer Philosophie und ihrer Grammatik ähnlich, sie ist nüchtern, nicht reich an Ideen, zeichnet sich aber durch eine bewundenswürdige, bis zur höchsten Feinheit gesteigerte Tetaildurchstihrung aus. Die fein geschnitzten Skulpturen an der Alhambra erinnern an die eben so feinen, aber gedankenarmen Definitionen der arabischen Grammatiker und Logiker und an manche talmudische Diskussion. Das zweite Hauptmerkmal des Semiten ist die scharf ausgeprägte Individualität der einzelnen Persönlichkeit, die sich nicht leicht von andern absorbiren und zum Gehorsam bringen läßt, sondern vielmehr einen zähen widerstandsfähigen Stoff abgiebt. In Folge dieses Charakterzuges ist die Poesie des Semiten mehr subjektiv als objektiv, so daß der Semite bei Beschreibung eines schönen Naturereignisses mehr beschreibt, was er dabei empfindet, als was er sieht. Ihre Poesie ist gewaltig, tief, innig, ihre Klage nicht still und in sich gekehrt, sondern lärmend, oft himmelstürmend. Dramen haben die Semiten niemals geschrieben; denn ein Individuum mit scharf ausgeprägtem Charakter kann nicht aus seiner eignen Individualität heraustreten und sich in die eines Andern versetzen, um dessen Empfindungen und Gefühle zu schildern. Der große Lyriker Heinrich Heine war ein schlechter Dramatiker, und das einzige Drama, welches B. Auerbach schrieb, hat als solches keinen Werth. Derselben Eigenschaft verdanken die Semiten die Fähigkeit, abstrakte Gegenstände zu individualisiren, ihnen eine concrete Gestalt und Form zu geben. Die Semiten waren zwar nicht im eigentlichen Sinne des Wortes die Erfinder des Alphabets,