Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 22 (1873)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eine neue Charakteristik der Semiten
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829430-2829434-2867080--14681-2867125- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
134 Eine neue Charakteristik der Semiten. G e i st e s, einer Idee, als der materiellen Kraft; ein mehr geistiges Auffassen der Außenwelt und Neigung zun: I d e a - lismus. — Aus diesen Hauptcharakterzügen lassen sich alle bedeutenden Erscheinungen in Geschichte und Cultur, in Leben und Einrichtungen der semitischen Völker erklären. Den Stempel gesunder Nüchternheit tragen Religion und Poesie, Wissenschaft und Kunst der Semiten gleicherweise an sich. In der Religion verhilft sie ihnen zu leicht verständlichen, einfachen Begriffen und hält sie von Aberglauben fern. Die Semiten im Allgenieinen sind, so lange sie nicht in enge Beruhrung mit andern Völkern gekommen sind, bei Weitem weniger zum groben Aberglauben geneigt, als die Arier. — Die Mythologie und Kosmogonie heidnischer Semiten hielten keinen Vergleich aus mit der überschwenglichen Mannigfaltigkeit der entsprechenden Erzeugnisse griechischer oder gar indischer Phantasie, denn sie sind äußerst nüchtern und einfach. — In der Aeußerung des religiösen Lebens kommen beim Semiten Schwärmerei, Ekstase und Verzückung im Ganzen seltener vor, als bei Ariern und auch da wo sie Vorkommen, haben sie keinen ausschweifenden Charakter, wie bei diesen. Auch findet man bei ihnen äußerst wenig Neigung zun» Mysticismus. Das Judenthuni hat sich sehr lange von jeder Art von Mysticismus völlig frei gehalten, desgleichen ist der Jslan: der Araber fast frei von solchem; dagegen hat der Islam der arischer: Perser einen ganz mystischen Charakter. Einfluß semitischer Nüchternheit und des Mangels einer unbeschränkten Phantasie ist es, wenn die Semiten kein Epos aufzuweisen haben. Ihre Poesie ist vorzugsweise lyrisch; sie ist ein momentaner, gewaltiger Erguß eines empfindsamen, leicht erregbaren und leidenschaftlichen Gemüthes. So sind die poetischen Produkte der alten Hebräer, wie der des Mittelalters, sowie auch der Araber, und fast einen solchen Charakter hat sogar die Poesie Heinrich Heine's. — Es darf nicht unbemerkt bleiben, daß der Dichter, welcher zuerst der deutschen Romanliteratur eine nüchterne Richtung gab, ein Jude ist; wir denken an Berthold Auerbach und seine Dorfgeschichten- Vermöge ihrer Nüchternheit beschäftigten sich die Semiten, statt sich mit allzu abstrakten, unlösbaren Fragen abzugeben, vor-