Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Über den Begriff der Liebe [Rezension]
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 564 (sequence 7)
- Language
- German
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564 Recenstonen. Juden, sondern der Zeit und der Verhältnisse. So lange die Juden im Kampfe uiu ihre Existenz sich im feindlichen Gegensatze zu den sie umgebenden Völkern befanden, folgten, sie km allen Völkern des Alterthums eigenen Zuge, sich auf sich selbst zurückzuziehen, und dem Fremden gegenüber in ihrer Abgeschlossenheit zu verharren. Das Gebot der Liebe soll früher in seiner Anwendung auf die Fremden nicht mit solchem Nachdruck betont worden sein, ob schon die spätere Auffassung einer weltumfassenden und von kosmopolitischem Geiste getragenen Liebe im Keime auch schon in den frühesten Zeiten des hebräischen Alterthums vorhanden gewesen sei. Der Vers, führt init Recht als Beweis für die weiteste Ausdehnung des Gebots der Liebe bei den Juden die bezeichnende Stelle 5. Mos. 10, 18, 19 an. Wie er aber dazu kommt, diese Anschanung erst als ein Resultat der späteren Entwickelung hinzustellen, ist uns nicht recht verständlich geworden. Will er damit etwa auf die spätere Abfassung des Deutoronomiums Hinweisen, so fällt dieselbe doch jedenfalls, selbst nach den Ergebnisseil der weitestgehbilden Kritik, spätestens in das letzte Jahrhundert vor km Untergange des jüdischen Reiches. Das aber ivar am allerwenigsten die Zeit, in welcher sich eine solche Gesinnung, wenn sie nicht vorher schon vorhanden war, hätte herausbilden können. Die Zeit, in welcher der Staat in seinen innersten Grundvesterl erschiittert ivar, und durch die gewaltige Umwälzung, welche der Kampf der daiilaligen Weltnlächte hervorrief, in feiner Existeilz immer mehr bedroht wurde, war schwerlich geeignet, das Gefühl der Fremdenliebe zu einer höheren Entfaltung zu bringen. Den eigentlichen Höhepunkt soll freilich auch nach deul Verfasserder Begriff der Liebe erst nachmals in der neutestamentlicheu Zeit gewonnen haben. Was der Vers, nach allem dem, was er vorausgeschickt hat, nsit dieser Behauptnng sagen ivill, das wissen wir uns nicht recht zu deuten. Wir fürchten, hier ist ein kleines Residuum der früher geschilderteil christlichen Phrase zurückgeblieben. Wenn der Verfasser einmal zugiebt, daß der Begriff der Liebe in seiner vollen Gestaltung auf jüdischem Boden erwachsen sei, was soll denn die neutestamentliche Zeit Hinzugethan haben. Wie es sch eint, will der Verf. nicht etwa von einem neuen Evangelium der Liebe reden, sondern die neutestamentliche