Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Über den Begriff der Liebe [Rezension]
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 561 (sequence 4)
- Language
- German
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Recensionm. 561 ehreuwerthes Streben, mit der eigenen Vergangenheit in einem pietätvollen Zusammenhang zn bleiben, an einer Jneonsequenz leidet oder nicht. Allein wogegen wir uns immer wieder nnd wieder verwahren müssen, das ist gegen die Manier, welche sich bei den Männern dieser Richtung in der Beurtheilung des Indenthnms heraus gebildet hat. Sollte nämlich der Begriff der ch r i st l i ch e n Liebe festgehalten und als ein wiMcher Fortschritt über die Anschauung des Judeuthums hinaus nachgewiesen werden, so mußte diesem nothweudig das Gefühl der wahren Liebe als ein ungekauntes Mysterium verschlossen geblieben sein. Alles, was im alten Testamente au eine gleiche Auffassung der Liebe erinnert, mußte sieh eine andere Auslegung gefallen lassen, danlit nur ja das neue Evangelium Nichts von seiner Neuheit einbnße. Männer, welche mit den positiven Satzungen des Christeuthums längst gebrochen hatten, konnten dennoch nicht umhin, sich bei guter Gelegenheit an dieser Schönfärberei zu betheiligen, nnd trugen kein Bedenken, ihren Fiktioneil zu Gefallen die HumcmitLtsanschauungen des Judenthilnis mit den dunkelsten Farbeu auszumalen. Das ist es, was uns die ewigen Deklamationeu voll dem Nachegott der Judell, ihrem liebeleeren Formenwesen meist so widerwärtig erscheinen läßt, daß sich in ihnen llicht eine aufrichtige, wenn auch unrichtige, Ueberzeugung offenbart, sondern daß 1uit dieser falschen Farbenmischung eine bestimmte Absicht erreicht werdeil soll. Gegen Absichten aber wird man innner vergebens aukämpfen, und so sind denn auch alle widerlegeilden Nachiveise aus dem alten Testament bisher erfolglos gewesen. Der Begriff der christlichen Liebe ist eben für die aufgeklärte Richtlmg der letzte Nothbehelf, welchen sie so leicht!licht aus Händen geben rvird. Interessant ist in dieser Beziehung, wie selbst ein denl positiveli Bekeilutilisse so fernstehender Mann wie Renan sich abmüht, denl Urheber des Christenthums das Verdietlst dieser angeblich neuen Gestaltung des Begriffs der Liebe zu wahren. Er kennt recht gut alle Jilstanzeu, welche dagegen sprechen, und selbst das Charakterbild Hillel's schwebt ihm vor Augen, lvelches auch den sonst vielleicht vermißten sentimentaten Zug der sogeilanutell christlichen Liebe au sich trägt. Das Alles aber kann ihn nicht dazu bewegen, diesen letzten Rettungsanker aufzugeben, und wie ein deutscher Philosoph, wenn ihm Frankel, Monatsschrift. XXl. 12. 36