Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Über den Begriff der Liebe [Rezension]
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 560 (sequence 3)
- Language
- German
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Reccnsionen. m so sehr das innerste menschliche Wesen, daß eine völlige Abwesenheit derselben geradezrr urrdenkbar ist. Allein wie bei jeder gedanklichen Leistung kommt es auch hier nicht darauf an, ob irgendwo versprengte und dunkle Andeutungen vorhanden waren, welche strenger und folgerichtiger durchgedacht, vielleicht zu einem ähnlichen Ergebniß geführt hätten, sondern das ungeschmälerte Verdienst gebührt dein schöpferischen Geiste, welcher die Tragweite dieser Gedanken überschauend ihnen zu systematischer Gestaltung und klarem Ausdruck verholfen hat. Denjenigen aber, welche die Anerkennung des fremden Ursprungs dieser ®ebaufeit fast in ihrer Existenz zu bedrohen scheint, bietet das sporadische Auftauchen ähnlicher Gedankenkeime die willkommene Handhabe, dem Nach׳ weise der Abhängigkeit der eigenen Anschauungen von einem frenrden Ursprünge mit der Hindeutnng auf diese gleichartigen Erscheiuungen entgegenzutreten. Dieses Bestreben, sich das Eigenthnmsrecht an beit im eigenen Kreise maaßgebeuden Gedanken zu wahren, kann auch die edelstgesinnten Geister zu unberechtigten Mitteln greifen lassen, ja diese oft um so eher, als sie mit grö- Herer Innigkeit und Wärnre den einnral überkommenen religiösen und sittlichen Auschauungen huldigen. Zu den anr Meisten besprochenen Fragen dieser Art gehört die über die Stellung, welche das Judenthnin und die jüdische Religionsanschauung zu denr Begriff der Liebe einnünmt. Man tvollte diesen Begriff in derFaffung, wie er in den neutestamentlichen Schrifteil auftritt und in das ethische Bewußtsein unserer Zeit übergegangen ist, durchaus als denr Judenthum freind, ja ihm geradezu widersprechend darstellen. Als schon manche der wichtigsten Grundlehren des christlichen Bekenntnisses von den aufgeklärteren Mannern der Wissenschaft als Entlehnungen aus denr Judenthuni eingeräumt worden waren, hielt man dennoch mit Zähigkeit den Widerstand gegen den jüdischen Ursprung des Begriffs der christlichen Liebe aufrecht. Das hatte seinen guten Gruird. Wer von seinen ursprünglichen Ueberzeugungen schon so Vieles hatte preisgeben müssen, der fand für sein christliches Bewußtsein die letzte Zufluchtsstätte in dem neutestamentlichen Ursprung des Begriffs der Liebe. Es ist nun unsere Sache nicht, die Berechtigung oder Nichtberechtigung der religiösen Ueberzeugungen Andersgläubiger zu prüfen. Uns kann es ja gleichgültig sein, ob ein immerhin