Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Salomon Ludwig Steinheim
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 400 (sequence 6)
- Language
- German
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40& Salomon Ludwig Steinhenn. den er soilverain herrschte, den er formte zu künstlerischen Gebilden; er war, wie Heine in solchen Füllen sich ausdrückt, kein Hellene; der Gedanke war es allein, der im Worte zum Leben rang, und wenn sein Gedicht uns anspricht, so ist es nicht die Anmuih der Form, sondern die Wucht der Idee, die uns rührt; seine Poesie ist erhaben, aber sie ist nicht schön; er ist ja auch ein Säuger jener ״Religion der Erhabenheit," wie sie Hegel genannt hat; erhaben aber ist niemals die Form, fonbern nur der Geist. Steinheim ist ein Dichter, aber er versteht nicht zu reimen; der liebliche Reim, der sich wie eine goldene Spange um die Glieder der Dichtung schließt, ist wie die kunstvoller Metren ein Erbe der glücklichen Nationen, die singerr und jubeln können im Vollgennß der Guter der Erde; wie aber sollteil Juda'S echte Sänger mit Worten spielen, gegenüber dem ungeheuren Schmerz uni ihres Volkes Weh, aber auch gegenüber dem hohen Stolz, den ein großer Beruf und der Besitz welterlösender Wahrheit giebt? Ein großer jüdischer Schriftsteller hat es voll sich gesagt, er könne nicht schreiben, er könne llicht künsteln und meißeln am Worte, denn er schriebe mit seinen! Herzblut. Aber wer mit so kostbarem Safte schreibt, und sei er auch kein dichtender Kunstler, er verdient dennoch Bewunderung, denn nicht nur die Dichter sind selten, die Menschen sind es nicht minder, die ihr Herzblut an eine Idee setzten. Steinheini gehört zu den Naturen, die mit ihrem Herzblut schreiben; er sagt, es gäbe zivei Arten von Dichtern, die Einen singen weil sie sich selbst gern hörten, die Anderil aber müssen singen, sie müssen dem freudevollen oder schmerzgepreßten Herzen Luft machen: wird der Schmerz geweint, so verliert er die Hälfte seiner Bitterkeit, bricht der Zorn hervor, so ist die Hälfte seiner Gewalt gebrochen; lvir müßten diesen schon aus Mitleid unser Ohr nicht verschließen, denn es ist ihnen Balsam, wenn sie nur klagen dürfen. ״Ein bald zusainmengeschnnrtes, bald freigelassenes, ein niedergedrücktes und wieder aufgerichtetes, ein tiesbetrübtes und bald frohlockendes Herz, das sich in Sangesweise kund giebt und von diesen wechselnden Zuständen Zeugniß giebt, ist mindestens ein Gegenstand inniger Beachtung für ein anderes, das ähnlichen, ivo nicht gleichen Wechsel ersahreu hat, oder doch erfahren zu können sich beivußt ist."