Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Salomon Ludwig Steinheim
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 355 (sequence 9)
- Language
- German
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Salomon Ludwig Steinheim. 385 in neue Schläuche gießen will, die nur Reformen gelten läßt, die aus religiösem, nicht aber solche, die aus irreligiösem Bedürfniß heraus entsprungen sind. Noch standen die Parteien unvermittelt schroff gegeneinander. Wer in beiden das Unrecht einsah und bekämpfte, und wem als einem klaren Geiste die Mystik, welche eine Verquickung und keine Versöhnung der Gegensätze ist, noch weniger behagte, der konnte auf unparteiische Schätzung nicht rechnen, der wurde, wenn er nicht todt zu machen war, todt geschwiegen. Aber vielleicht wäre auch noch diese Kälte, welcher er in beiden Lagern begegnete, zu überwinden gewesen, wenn die Stimmung unter den Juden religionsphilosophischen Arbeiten günstig gewesen wäre. Dies jedoch war keineswegs der Fall; vielmehr waren geschichtliche und antiquarische Studien fast ausschließlich an der Tagesordnung. Und das mit v allein Recht; kaum waren die Israeliten Deutschlands in das moderne Leben singetreten, so merkten Diejenigen, denen das religiöse Bewußtsein noch nicht abhanden gekommen war, mit Schrecken, daß sie von der Geschichte, von de. Vergangenheit ihres Volkes fast gar nichts wußten. Da standen in den Bibliotheken eine große Anzahl hebräisch geschriebener Werke über das Rituell, die fleißig studirt wurden. Aber selbst die berühmtesten Autoren konnte man kaum dem Namen nach; man nannte die Verfasser nach den Titeln ihrer Bücher; was sie im Leben geleistet hatten, das war nur Wenigen und ganz flüchtig bekannt. Literatur vollends, die nicht mit dem Ritus znsammenhiug, wurde fast gar nicht studirt; was frühere Geschlechter für die hebräische Sprache, für die Poesie, für die Wissenschaft des Judenthums gelestet hatten, das lag verschüttet in Manuskripten oder in seltenen kaum gelesenen Druckwerken. Der Talmud, der vielstudirte, dessen Morte hundertfach durch das Sieb der Dialektik gingen, er, der so vernehmlich zu dem Kundigen von den alten Zeiten redet, war bisher darum noch gar nicht gefragt worden. Seit Josephus hatte Keiner zum Volke von seiner glorreichen Geschichte gesprochen, denn einigen kritikelosen Chronisten werden wir doch heute kaum den Ehrennamen eines Historikers geben, und selbst Josephus hat ja mehr zu den Freinden, als zu seinem Volke gesprochen; was war natürlicher.