Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Salomon Ludwig Steinheim
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 349 (sequence 3)
- Language
- German
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Salomon Ludwig Steinheim. 84V damit deckt, daß sie für sich nichts Rechtes thun lönue, da sie für die Zukunft arbeiten müsse; im organischen Leben ist Alles in stetem Wechsel begriffen; auch die Raupe, die in der Larve liegt, bleibt niemals dieselbe, entwickelt sich iminer mehr zu deur höher organisirten und doch im Grunde ihr gleichen Geschöpfe, welches wir im Schmetterling mit Vergnügen betrachten; aber als die eigentliche Krise gilt doch nur der Moment, wo diese Wandlung einen akuten Charakter hat, wo die Larve gesprengt wird. Von dieser Krise wird die Geschichte des Judenthums der Gegenwart erfüllt, und wenn wir getrosten Muthes darüber sind, daß es aus ihr verjüngt hervorgehen wird, so sind es nicht die Massen, die noch so fest am Alten haften, die uns trösten; die Massen sind nicht ausschlaggebend; sie folgen zumeist ohne klares Bewußtsein den Impulsen der Wissenschaft und der Menschen, die ihren geistigen Bedarf nicht nur von den Almosen Anderer bestreiten. Aber wenn auf den Bergen das Morgenroth leuchtet, braucht uns um die Thüler nicht bange zu sein, auch wenn sie im Moment von Nacht umhüllt wären. Die Fülle bedeutender Geister, welche auf ben verschiedensten Gebieten der Wissenschaft überhaupt und der jüdischen Wissenschaft in's besondere aus unferein Volksthunre in diesem Jahrhundert herausgetreten sind, kündet von einer Kernhaftigkeit, einer Gesundheit des Stammes, daß es eine eitle Sorge ist, dieser Stamm würde den scharfen Hauch einer neuen Zeit nicht ertragen. Es kommt wol vor, daß eine sterbende Nation noch in ihren letzten Lebensmomenten gleichsam die ganze Kraft zusammenfassend einen hervorragenden Mann erzeugt, wie die Flamme noch einmal aufloht, bevor sie erlischt, wie nicht selten ein welkender Stamm einen Ast mit dem letzten Nest feiner Säfte füllt, und mit frischem Grün umkleidet, während die andern Neste verdorrt und kahl dastehen. Wenn aber das Feuer an allen Enden flackert, wenn der ganze Baum von einer Laubkrone umwallt ist, wenn eine Nation schier unerschöpflich sich zeigt in dem Erzeugen großer bahnbrechender Talente, da kann nur die Gespensterfurcht uns vor dem Erlöschen und Welken Angst einjagen, dann bedarf es keines Wunderglaubens, um die Ueberzeugung zu erwecken, daß das Volk der Israeliten dieses ״Wunder aller Wunder" vor der Hand zu wirken nicht aufhören wird.