Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 5
- Article
- R. Juda ha-Nasi's Antheil an unserer Mischnah
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 5)
- Language
- German
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222 R. Juda Ha-Nasi's Antheil an unserer Mischnah. absehen. In dem zuletzt erwähnten Satze liegt implicüe die Behauptung, daß auch die andere Seite der Ueberlieferungsthätigkeit, die Schulvorträge, sich durch solche Bescheidenheit auszeichnete. Oder ging die Schulthätigkeit mit Entschiedenheit und Selbstständigkeit zu Werke? Soll man annehmen, daß die Tannaiten in der. Eigenschaft als Lehrer es gewagt hätten, bei den Vorgefundenen streitigen Halachoth, die bei Weitem den größten Theil des überlieferten Halachahschatzes ausmachten, jedesmal ihre eigene Ueberzeugnng, nur mit Angabe der überlieferten entgegengesetzten Ansicht, als die maßgebende aufzustellen? Wenn dies zugegeben werden sollte, so würde die gleichsam annalistische Objektivität bei der Sammelthätigkeit um so räthselhafter sein. Die in den Schulen vorgetragenen Ansichten, von den Jüngern als endgültig ausgenommen, hatten gewiß mehr codificatorischen Charakter, als jene Sammlungen, die, wie behauptet wird, vorzüglich, um nicht zu sagen ausschließlich, literarischen Werth beanspruchten. Wenn man nun bei Jenen, w o religiöse Aengstlichkeit möglicherweise den freien Lauf hemmen mochte, keine Zurück- Haltung kannte; wie sollte oder konnte man bei den letzteren, wo keine ernsten Rücksichten die Bloßlegung der, eigenen Ansicht verboten oder nur weniger rathsam erscheinen״ ließen, eine eben so peinliche als geistlose Neutralität in Acht nehmen? Eins von Beiden nur ist also möglich. Die Tannaiten haben in ihrem Wirkungskreise entweder Selbstständigkeit oder ängstliche Abhängigkeit bethätigt: gleichgültig nun, welche von beiden Eigenschäften als das bewegende Element gesetzt wird; jedenfalls bethätigten sie eine und dieselbe Eigenschaft nach beiden Seiten. Es kann aber nicht lange Zweifel hierüber herrschen, welche von eben diesen Eigenschaften thatsüchlich entwickelt wurden. Alles deutet darauf hin, daß bei der Halachahüberlieferung die eigene Ueberzeugnng einen überwiegenden Einfluß ausübte. Schon eine negative Erscheinung setzt nothwendig eine sortwährende Flüssigkeit all der ursprünglich nicht über allen Zweifel erhabenen Halachoth voraus. Auf die negative Erscheinung, die wir im Auge haben, wurde schon bei einer andern Gelegenheit (Monatsschrift 1871, S. 165 und 170) hingewiesen. Nach dem zweiten Geschlechts sieht man nämlich, trotz der ungeheuren Masse von streitigen Halachoth, nicht die leiseste offtcielle Anstren-