Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Prophet Jeremia in Rama
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
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70 Der Prophet Jeremia in Rama. der damaligen Zeit. Rahel klagt, daß nicht nur ihr Sohn Joseph — Ephraim vorschollen ist, sondern daß noch dazu ihr Sohn Benjamin eben in's Elend gestoßen wurde. ״Sie kann sich wegen ihrer (beiden) Söhne nicht trösten, denn sie firtb fort". Rahels klagende Stimme beweint zugleich das alte und das neue Leid. An diese Klage knüpft der Prophet seine Trostworte an: Rahels Kinder werden in die Heimath zurückkehren, Benjamin mit Juda, und mit Joseph die übrigen Stämme. Gerade im tiefsten Elerid verkündete Jeremia die ausgedehnteste Zuversicht. Verkehrt ist auch hier Ewald's Annahme, daß Jeremia in diesem Stücke ältere Prophezeiungen über Ephraim eingeflochten habe. (Propheten II., S. 155 Anmerkung). Das ganze Stück ist sichtlich aus einem Gusse und ist nicht als literarisches Produkt oder Monolog bloß niedergeschrieben, sondern zu einem Kreise als Trostwort gesprochen worden, und zwar in Rama. Diese Lokalität giebt die Situation für das tragisch - ergreisende Bild. — Nebusaradan hatte die Hauptstadt Judäa's eingenommen und die Gefangenen nach Rama bringen lassen. Er erwartete die Befehle seines Herrn, welcher sich in Syrien aufhielt, um über Land und Leute zu verfügen. Der Befehl fiel milde aus. Ein Kern der Einwohner von den Anhängern der Chaldäer sollte im Lande bleiben, Gedaljah als Statthalter über sie eingesetzt werden. Darauf erfolgte die Restauration im kleinern Maaßstabe, Jerusalenr wurde eingeüschert, und Mizpah sollte Mittelort werden. Die gefährlichen Gefangenen sollten nach Babylonien abgeführt, ein kleiner Nest sollte bleiben und Gedaljah untergeben werden. Dieses Alles erforderte Zeit, ehe es ausgeführt wurde. Möglicher Weise verging eine längere Zeit für dieses Arrangement als zwei Monate. Diese ganze Zeit waren die Gefangenen in Raum in Ketten gehalten und ohne Zweifel von Chaldäern bewacht. Endlich schlug für sie die Stunde. Sie mochten freilich in der langen und bangen Ungewißheit auf Erlösung gehofft haben und fanden sich getäuscht; 832 Personen wurden in die Gefangenschaft geschleppt (52, 29): Durch diesen Vorgang wurde der grausige Schmerz über Untergang des Vaterlandes von neuem ausgefrischt. Der Sohn wurde vom Vater, der Freund vom Freunde getrennt. Die Ueberbleibsel in Rama brachen wieder in Klagen aus. Um sie zu beruhigen.