Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Hippolyte Rodriguez, Saint Pierre
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 554 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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554 Analekten. des Dichters, da der Geschichtsschreiber keinen andern Beruf hat, als das Material, das außer ihm liegt, aufzusuchen uud zu gruppiren; seine kombinatorische Kraft muß sich darauf beschränken, aus dem vorhandenen Stoffe möglichst viel herauszulesen, aber womöglich gar nichts hineinzulesen. Es ist wahr, absolut objektive Geschichtschreibung ist nur ein Ideal, ein stets zu erstrebendes, aber nie zu erreichendes Musterbild; denn selbst wer nur Thatsachen giebt, dem führt seine subjektive Meinung bei der Gruppirung derselben die Feder; man kann scheinbar leidenschaftlos und ohne Vorurtheil berichten und gerade in dieser Fassung erst recht wirksam für persönliche Ansichten Propaganda machen; oft formt sogar gegen unsere Absicht unser subjektives Meinen die Darstellung, und ״was sie so den Geist der Zeit nennen, das ist im Grunde nur der Herren eigener Geist, iit dem die Zeiten sich bespiegeln." Aber Hr. Nodriguez geht mit Bewußtsein freimüthig darüber hinaus, und indem er seine Phantasie in Erfindung von Thatsachen, welche ihm den in Rede stehenden Menschen angemessen erscheinen, frei walten läßt, glaubt er gerade so wirklich Geschichte zu schreiben, obgleich sein Werk einem historischen Noinan ähnlicher sieht. Und vielleicht ist diese Methode nirgends so berechtigt als in der Geschichte des Urchristenthums. Es ist gesagt worden, daß Caesar von Sheakspeare treuer gezeichnet sei, als von irgend einem Geschichtschreiber, und dies kann ja wol nur bedeuten, daß der Charakter aus den von Sheakspeare erdichteten Thatsachen deutlicher heraustrete, als aus den uns überlieferten. Nun ist positiv Sicheres über Jesus und seine Jünger so wenig vorhanden, die Quellen sind so getrübt, die Nachrichten sind so entstellt, weil zum beliebigen Gebrauch der herrschenden Richtung zugestutzt, daß der hervorragendste Biograph Jesu behaupten durfte, es gäbe keine historische Person, von der man weniger wisse, als von diesem; und dies ist im Grunde ja nur eine euphemistische Umschreibung des Satzes: Christus ist eine mythische Persönlichkeit in historischer Zeit. Auf die Frage ״was dünkt Euch um Christus und seine Lehre," läßt sich streng wissenschaftlich nur unbefriedigend antworten. Aber diese Frage ist dringend in einem Zeitalter, wo mehrere hundert Millionen dieser Lehre anhangen und das Verlangen immer mächtiger wird, zu den ur-