Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Hippolyte Rodriguez, Saint Pierre
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 552 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Analelten. aber wir lesen ihre Werke, denn die Nation Voltaire's ist interessant. Der Deutsche ist sehr gründlich, sehr bedacht, sehr wahrheitsgetreu, aber wir verlieren nicht selten den Geschmack an einer Gründlichkeit, die uns Langeweile verursacht. So mischt sich selbst in den Charakteren der Völker da, wo ihre Eigentümlichkeit herauütsirt, Fehler und Vorzug in wunderbarer Weise, und das völlig Tadellose ist oft nicht minder alles Lobes los und ledig. Eine Individualität von ganz besonderem Gepräge ist der französische Autor, in dessen jüngst erschienenes Werk nur den Leser mit diesen Zeilen einführen wollen, und wir werden nach den voraufgegangenen Bemerkungen sein Buch, weil es nicht das Gewand einer deutschen grundgelehrten Arbeit trägt, nicht allsogleich zu den Todten werfen. Hr. Rodriguez ist, was seinen Stil und das Colorit seiner Weltanschauung anlaugt, ganz Franzose und zwar ein Schüler der Romantiker, der Chateaubriand, La- Martine, Viktor Hugo, die alle mehr im Tone offenbarender Propheten als nüchterner Schriftsteller des neunzehnten Jahr- Hunderts reden. Sein Vortrag ist enthusiastisch, feurig, hinreißend, stürmisch, aber die dem französischen Sprachgenius immanente Logik verhindert es, daß der Sturm der Begeisterung die Wellen der Rede zu unklarem Schaum aufbrausen lasse. Wir lassen uns von den Wogen dieser gewaltig dahinströmenden Perioden gern tragen, und ziehen die gefahrvolle unsichere Fahrt auf ihnen der sichern, aber reizlosen Reise auf den oft halb versandeten Bächen einer staubigen Gelehrsamkeit nach mancher Seite vor. Herr Rodriguez ist ein eifriger Verehrer des Judenthums und eben deswegen Kosmopolit. Ihm schweben die Bilder, welche die Propheten von der geeinten Menschheit gezeichnet haben, nicht wie in Dämmerung gehüllte Schatten, vor der Seele, sondern sie sind ihm lebendig und leibhaftig, er glaubt sie mit Händen saffen zu können, und ihm dünkt es ein Leichtes, wie allen prophetisch und ideal gestimmten Menschen, sie in die Wirklichkeit einzuführen. Die Geschichte des Christenthums als des ersten Versuchs, die nationalen Schranken zu durchbrechen, und Humanität, gleiches Recht, gleiche Liebe für alle unter den Menschen zu verbreiten, ist für einen solchen Autor natürlich ein Stoff, der ihn besonders anzieht. Wie jeden! besonnenen Forscher ist ihm der Zusammenhang des Urchristenthums mit den