Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Hippolyte Rodriguez, Saint Pierre
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 551 (sequence 1)
- Language
- German
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Analekten. 551 Analekten. Hippolyte Wodriguez. Saint Pierre. Jede schriftstellerische Individualität, die mit Kraft und Bedeutung in die Oeffentlichkeit tritt, darf gerechten Anspruch darauf erheben, daß sie beachtet und anerkannt wird, und dieser Anspruch darf nicht deshalb zurückgewiesen werden, weil der Schriftsteller auf anderen! als dem herkömmlichen, auf selbst gebahntem Steg seinem Ziele zustrebt. Wir haben kein Recht, einen geistvollen sprachgewaltigen Autor nur deswegen zu verurtheilen, weil er nicht in Reih' und Glied der übrigen treten will: viel eher ließe sich der Grundsatz vertheidigen, daß die Schriftsteller, deren Werke ohne Rest in die vorhandenen kritischen Schablonen aufgehen und hiueinpaffen, gewöhnlich nur Mittelmäßiges produciren. In der allzu starken Ausprägung des Individuellen liegt, wir wollen es nicht läugnen, in gewissem Sinne ein Fehler. Und dennoch — diese Erfahrung machen wir im persönlichen Verkehr wie in der Literatur — liegt ein unwiderstehlicher Reiz in einer Eigenart, welche sich mit Bedeutung kund giebt: wir meistern wol das Nichtalltägliche, aber wir geben uns dennoch ihm gern hin, ja wir betrachten es als eine Art von Erlösung, einem Menschen zu begegnen, der nicht die Uniform von tout 18 monde trägt, der etwas Anderes sein will, als einer aus der Heerde. Selbst bei den großen Literaturkomplexen der Völker ist ja das Individuell-nationale fast ebenso sehr Fehler wie Vorzug. Der Engländer ist barok, fast jeder derselben hat eine andere Marotte, ihre Gebilde sind wie die Küsten Brittaniens zumeist in einen gewissen Nebel gehüllt, ihre Fremdartigkeit stößt uns ab und zieht uns wieder an. Der Franzose ist phantastisch, subjekttv, wir wissen, daß er es nicht immer genau nimmt, daß sein Verstand oft vom Herzen ins Schlepptau genommen wird, daß ihm die glänzende Unwahrheit oft bester gefällt, als die schlichte Wahrheit, wir schelten die Franzosen,