Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 9
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 430 (sequence 4)
- Language
- German
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430 Recensioneu. verzeichnen hatte, sperrte das Judenthum sich selbst für einen viel größeren Zeitraum in ein Ghetto, in das nur ein schwacher Strahl des neuen Geistes fiel. Und selbst dieser Strahl war, wie die Modena's die Medigo's beweisen, mehr blendend und verwirrend als erleuchtend. Die Geschichte dieses Siechthums, aus dein erst Mendelsohn das Judenthum gerissen hat, einem großen Publikum zu erzählen, ist, wir gestehen es gern, keine dankbare Aufgabe. Mehr als vielleicht irgendwo anders ist zumals ein Vortragender — und ans Vorträgen ist dieses Buch zusammengesetzt — der Versuchung preisgegeben durch fernstegende, nicht zur Sache gehörende Reflexionen den trockenen sästlosen Stoff zu beleben und wir wollen nicht zu streng in's Gericht gehen, wenn der Autor dieser Versuchung häufig rusterlegen ist. So überrascht sicherlich wohl jeden Leser an der Spitze der dritten Abtheilung die zwar nicht ganz korrekte, aber jedenfalls nicht ganz neue Diatribe über Geschichte im Allgemeinen und Gesch. des Judenthums im Besondern. Hierauf reitet Herr l)r. Geiger sein müdes abgehetztes Roß auf's Neue, indem er das Pharisüerthuin als einen Kampf der Laien, des Volkes gegen das Priesterthum charakterisirt. Ties geschieht mit einem Schein von Recht, aber dieser Schein ist trügerisch. Die Pharisäer in deur Bestreben, das ganze Volk zum Träger der religiösen Ideen zu erziehen, unterwarfen sich zu größerer Heiligung dein rigorosen Ceremoniell der Priester, dein biblischen Vorbild des Nasir's folgend. Manche Priester, die ihre>1 Beruf mißverstanden, mochten das nicht gern sehen; aber durch historische Daten läßt sich ein großer, die Geschichte des jüdischen Volkes beherrschender Gegensatz zwischen Laien und Priestern in dieser Zeit nicht nachweisen. Doch durch welch widrige Winde werden wir denn über- Haupt zu diesem Gegenstände verschlagen? weil der Herr Verfasser den Kampf des Volkes gegen die Kirche, der im dreizehnten Jahrhundert zuerst Heller auftob erte, auf das Pharisäerthum als eine theilweise Ursache desselben zurückführt. Welfen und Ghibellinen, Papst und Kaiser, Kirche und Wissenschaft, und wie die Gegensätze alle heißen, welche sich an der Schwelle der iteueti Zeit so eifrig befehden, auf einen historisch nicht nachweisbarer: Kainpf zwischen Priestern und Pharisäern als auf seine Ursache zurückzufiihren, scheint uns doch mehr als gewagt. Schon die Ana-