Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und halachisch-exegetischen Sammlungen während der Tannaimperiode
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 422 (sequence 7)
- Language
- German
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422 Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und den Decisionsregeln, wie סתם ואח״ב מחלוקת u, s. w., waren gewiß wegen der vielfachen Verklausulirungen anr ivenigsteir geeignet, die bestehende Lücke auszufüllen. Wie sehr diese auch gefühlt wurde, 1uie unbefriedigt die Redaktion die Praxis gelassen hatte, kamt inan aus den, besonders in diejenigen Talmudpartien eingedrungenen Normiruugeu (והלכתא) erseheil, die die tagliche religiöse Praxis, Sabbath-nnd Speisegesetze, zitm Gegenstände haben. Aber auch in beit Schulen vermißte inan ein Coiitpeildiunl, das, wenn gleich nicht das Ganze, so doch den wichtigsten Theil des Halachahgebietes übersichtlich darstellte. Die Beweise hierfür liefern die gaonäischen Werke: Halachoth gedoloth und Scheeltoth de Nab Acha. Die Erscheinung dieser Werke iväre in feiler Zeit, der alle Bedingungen literarischer Produktivität abgiiigen, ein Räthsel, hätten sie iticht gerade in dem besprochenen tiefgefühlten Bedürfnisse ihren Ursprung. Wir sagten soeben: der gaonäischen Zeit gingen alle Bedingungen literarischer Produktivität ab. Wenn man dies nicht schon anderweitig wüßte, so würden eben die genannteir Werke uns ans diesen Gedanken bringen; einen so eigenthünrlichen Geist athmen dieselben. Die Versuche, das vorhandene Bedürfniß zu befriedigen, beschränkte sich zwar nicht auf diese Werke. Doch waren wohl auch die andern Versuche nicht glücklicher als diese. Erst Alfasi gelang es, in so weit es die theoretische Seite betrifft, das Problem zu lösen. Alfasi knüpfte nicht an seine Vorgänger au; er wurzelte ganz und gar in den Quellen, dein talnrudischen Schriftthume. Kein Wunder. Ein Geist ivie der seiuige konnte unmöglich durch die besprocheneir Leistungen seiner Vorgänger von den sprudelnden Quellen abgelenkt werden. Aber eben weil er so in das talmudische Schriftthum versenkt war, konnte er anderseits nicht im Entferntesten daran denkett, seine Aufgabe so zu lösen, daß tbie Quellen selbst ganz entbehrlich wurden. Das, was er anstrebte und auch erreichte, war eine Verjüngung der Quellen, eine Reproducirung der emoraischen Geistesthätigkeit in einer Weise, daß man deren gewaltigen Anstrengungen, in die Mischnah und die Satzungen der ersten Emoraim Klarheit zu bringen, Schritt für Schritt folgen konnte, ohne die Schwierigkeiten zu erfahreu, die die Emoraim zu bekäntpfen hatten. Es gelang ihm dies, indem