Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und halachisch-exegetischen Sammlungen während der Tannaimperiode
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 418 (sequence 3)
- Language
- German
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418 Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und in der That einen überwiegenden Einfluß ausgeübt habe, als sie ja ohnehin, wie oben nachgewiesen, sich in bedeutendem Maße von dem Gegebenen abhängig fühlte. Hat sie ja ivohl aus demselben Grunde nicht gewagt, den vorliegenden Stoff mit eigenen Bestandtheilen zu bereichern! Die im Talmud hie und da eingestreuten Normbestiinmungen (והילכתא) beweisen nichts gegen diesen Charakterzug. Dieselben sind, wie jetzt allgemein bekannt, Zusätze von viel späterem Datum. Wüßte inan dies nicht anderweitig, die Fremdartigkeit an Haltung und Fassung all dieser Normbestimmungen spricht laut genug für ihre Entstehung in der gaonäischen Periode. Das Bestehenlassen der eben besprochenen äußern Abweichungen ist also hinlänglich erklärt. Eben so wenig braucht man hinsichtlich der Entstehung dieser Abweichungen verlegen zu sein. Folgende Umstände erklären sie genügend. Zu dem gewaltigen Material, Mischnah und Boraitoth, das die Nachlassenschaft der Tannaimperiode bildete, kamen nun noch einige Momente hinzu, die der genauen und pünktlichen Fortpflanzung des Ueberlieferten ungünstig waren. So z. B. Erweiterung und Complicirung der Lehrmethode, allgemeinere Verbreitung des Studiums und die hierdurch entstandene Zuuahme der Lehrhäuser, Vervielfältigung der Quellen und Vermehrung der Diskuffionsüberlieferer. Beinahe jede Seite im Talmud bestätigt die Thatsächlichkeit dieser Zustände. Bedenkt man hierbei, daß noch immer Mündlichkeit der Ueberlieferung das Hauptmittel für die Mittheilung der Diskussionen war, so wird man Abnormitäten, wie Verwechselung von Autornamen, Verschiedenheit der Fassung ein und desselben Gegenstandes, Entstellung und Abhandenkommen vieler Diskussionsbestandtheile und besonders vieler Partien aus den tannaitischen, uicht-mischnaitischen, Sammlungen ganz natürlich finden. Ja, genau besehen, ist es Wunder, daß unter solchen Verhältnissen noch so viel gerettet wurde. Das Bild, das oben von den Zuständen entworfen wurde, in denen sich die Halachoth gegen Ende des dritten Tannaimgeschlechtes, also am Scheidewege des ersten und dritten Zeitabschnittes dieser Periode befand, entspricht demnach vollkommen dem Bilde, das sich von dem Stande der Halachah am Ende der Emoraimepoche abhebt. Hierüber möchte wohl kein Zweifel herrschen. Ist man nun zu dem Schluffe berechtigt, daß auch