Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und halachisch-exegetischen Sammlungen während der Tannaimperiode
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 366 (sequence 4)
- Language
- German
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366 Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und als Eiiloraim. Indem sie die verschiedensten Airsichten und Anschauuirgeir so auf einander folgen läßt, daß der Leser da, wo kein Naureir genannt, wirklich glaubt, eine von Einem Verfasser entwickelte Gedankenreihe vor sich zu haben, läßt sie, ohne es direkt zu sagen oder überhaupt etwas hinzuzufügen, ihre eigene Ueberzeugung durchschimmem. Das jedesmalige Resultat dieser stillerr Geistesthätigkeit bezeichnet urmr voir jeher in den talnrudischeu Kreisen, freilich ohne sich dessen ganz bewußt zu sein, mit מסקנא דשמעתין. Zu dieser gewiß nicht alltäglichen Weise, seine eigenen Gedanken mitzutheilen, gesellt sich noch eine andere Eigenthümlichkeit. Sie läßt absichtlich, weil vom überlieferten Stoffe abhängig, nicht inrmer an ein und derselben Stelle ihre Ansichten sich ganz entwickeln. Oester bricht sie dieselbe ab, um beit betreffenden Gegenstand an einer andern Stelle in mitunter einem andern Traktate wieder aufzunehmen und zum Abschlüsse zu bringen. Und so geschieht es natürlich, daß man häufig bei Vergleichung mehrerer Diskussionen, ja selbst mehrerer Bestandtheile ein und derselben Discussion in der festen Meinung ist, widersprechende Resultate gefunden zu haben, während man in der That nichts anderes, als verschiedene Wendungen einer in mehrere Theile zerlegten Untersuchung vor sich hat. Diese scheinbare Zersplitterung und Jsolirung zusammengehöriger Theile haben den Interpreten des Talmud und den bedeutenden C-asuisten die Gelegenheit gegeben, ihren scharfsinnigen Geist zu üben und zu entwickeln, Nur Maimoni macht hierin eine bewunderungswürdige Ausnahme. Die so große Anzahl seiner Entscheidüngen, die wegen ihres gegensätzlichen Verhältnisses zu den Resultaten der einzelnen Talumddiscussionen so befremdlich, ja unbegreiflich erscheinen, beruhen gerade auf der Erkenntniß der besprochenen eigenthüinlichen Redaktionsthätigkeit. Mit erstaunlichem kritischen Takte sah dieser große Geist ein, daß die Endresultate der Redaktion nicht in den einzelnen Discussiouen, sondern in dein Gesammteindrucke liegen, der eine Vergleichung sämmtlicher Parallelstellen ergiebt. Zwar finden sich auch bei Andern Aeußerungen genug, die auf die Wahrnehmung des gedachten Redaktionsverfahrens schließen lassen. Die so häufig bei Casuisten oder die Kasuistik berücksichtigenden Commentatoren angetroffene Bemerkung, diese oder jene Discussion sei nicht mit