Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und halachisch-exegetischen Sammlungen während der Tannaimperiode
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
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314 Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und raim selbst mit der Herbeiziehung von Bibelvecsen in ihre Erörterungen war. Das andere Moment ist der in den emoraischen Erörterungen ausgeprägt hervortretende abstrakte Charakter der Beweisführung und Auffassung der betreffenden Objekte. Mit dem Auftreten der ersten Emoraim sieht man das kräftig sich äußernde Streben, den inneren Zusammenhang vereinzelter Halachoth hervorzufinden, das einerseits zur Bildung von Kategorien führte und anderseits einen noch richtigeren Fortschritt zur Folge hatte. Nach und nach wurde es zum Bedürfniß und dann etwas Alltägliches, den in den concreten Halachoth der Mischnah implicite liegenden Grundsätzen eine begriffliche Formulirung zu geben. Tie äußerlichen und daher sehr losen Gruppirnugsmittel der Ueberstcht verschaffenden Anhaltspunkte der Mischnah machten null begrifflicher Subsnmmirnug Platz. Man vergleiche zur charakteristischen Verdeutlichung des Gesagten den großen Abstand zwischen der mischnaitischen und amoraischen Rnbrizirnngsmethode Chullin Cap. 3., Misch». 1. und 2. einerseits und die Kategorien-Tabelle der Emora Ulla (Chullin Fol. 43 a) anderseits. Der Talmudkundige wird diesen emoraischen Fortschritt mir bestell zu würdigen wissen, wenn er bedenkt, mit welcher Leichtigkeit er nun mit wenigen Worten das Objekt einer langen Reihe von Halachoth angeben kann. Arrf denr Standpunkte der mischnaitischen Ueberliefernngsinethode gehört dies zu ben Un- Möglichkeiten. Wo man nun in einem sehr kurzen Satze, nritunter in ein Paar Worte die Ouintessenz unzähliger einzelner Bestinmrungerr ausdrückt, hätte man auf dein früheren Staildpunkte all die einzelnen Halachoth nemren inüsseil, um dasselbe Ziel zu erreichen. Für den Tälmndkenner ist es überflüssig hervorzuheben, daß unter den kurzen Sätzen, die in den Talinudschulen geläufigen technischen Termini: שטות geineint sind. Und bedarf es wohl nicht erst der besonderen Bemerkung, daß dieser nur scheinbar äußere Vortheil das Resultat eines begrifflichen Prozesses, die Frucht der vollkommenen Vertiefung in die betreffendeil Objekte ist. So wesentlich und charakteristisch beide Merkmale nun, die Verschiedenheit des Ausgangspllnktes und das abstrakte Eleinent der Behandlung, auch sind, durch welche sich die enroraische Literatur von der tanaitischen unterscheidet, so hat doch der Gesammtcharäkter beider Literaturhälften dieselben Grundzüge.