Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Eine eigenthümliche Volkszählung während des zweiten Tempelbestandes
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 7)
- Language
- German
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206 Eine eigenthümliche Volkszählung Nation zu den Waffen griff, um sich die Freiheit zu erkämpfen oder als solche unterzugehen. Der Klazomenier Gessius Florus, eine Nero würdige Creatur, welcher die Freundin der Kaiserin Poppea zur Frau hatte, tprannisirte seit zwei Jahren das judäische Volk und hatte einen solchen Schrecken um sich verbreitet, daß Niemand gewagt hat, Klagen gegen ihn, sei es beim Kaiser in Nom oder beim Legaten in Antiochien zu führen. Schon war dem Volke die Geduld ausgegangen, wie Tacitus bemerkt: Huravit tarnen patientia Judaeis usque ad Gcssium Florum, procuratorem (Hist. V 10). Im Stillen bildete sich eine Revolutionspartei, welche Alles daran setzen wollte, sich des römischen Joches zu entledigen. Der Nominalkönig Agrippa II und die Römerfreunde, wozu auch die regierenden Hohenpriesterfamilien gehörten, welche Kunde von der gährenden Unzufriedenheit im ganzen Lande und dem Wunsche, mit Nom zu brechen, hatten, müssen Vorstellungen bei dem Legaten gemacht haben, Gessius Florus zu entfernen oder eines revolutionären Aufstandes gewärtig zu sein. Cestius Gallus durfte sich aber nicht herausnehmen, den blutdürstigen Procurator ohne Weiteres abzusetzen, da dieser vom Kaiser selbst eingesetzt war und zu dessen Lieblingen gehörte. Er scheint indeß für Nero den Stand der Angelegenheiten in Judäa geschildert zu haben, daß ein Aufstand auf dem Spiele stünde, wenn Gessius Florus nicht abberufen werden sollte. Aber der Kaiser verachtete das judäische Volk und achtete nicht auf die geschilderten Gefahren (Nsvmv xara(pqov8v m t’-O-vnc,). Um seinen Vorstellungen Nachdruck zu geben, verabredete er mit dem König Agrippa und den Hohenpriestern eine Volkszählung vorzunehmen, wodurch die Widerstandskraft des judäischen Volkes durch Zahlen constatirt werden sollte. Das nächste Pascha-Fest sollte die Probe abgeben. Da es üblich war, daß das Oberhaupt des Spnhedrions zur Pascha-Zeit Rundschreiben an die Gemeinden erließ, so wurde ohne Zweifel auch dieses Mal eine Encyclika an die Gemeinden in Judäa und der angrenzenden Länder gerichtet, sich so zahlreich als möglich bei dem nächsten Pascha-Feste zu betheiligen, weil die Rettung des Landes davon abhinge. Diese Weisung wurde befolgt. Eine gewaltige Volksmenge traf in Jerusalem ein, 250000 (oder 270000) Pascha-Lämmer