Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und halachisch-exegetischen Sammlungen während der Tannaim-Periode
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 7)
- Language
- German
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164 Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und Waren die maßgebenden Schulhäupter von dem vorhandenen Bedürfniß durchdrungen? Und dieses einmal vorausgesetzt, hatten diese auch die nöthige Kraft, an die Lösung zu gehen? Die Antwort aus all diese Fragen kann man natürlich nur von den literarischen Ueberresten erwarten, die das talmudische Schriftthum aus diesem und den folgenden Zeitabschnitte der Tannatm- Periode aufbewahrt hat. Die Ueberreste finden sich in solcher Fülle, wie aus keinem früheren Zeitmoment derselben Periode. Die literarischen Elemente aus der Zeit vor dem dritten Tanna'imgeschlechte haben bis auf wenige Ausnahmen eine so kurze und bündige Fassung, daß man beinahe sich kein vollständiges Bild, und wäre es noch so allgemein, von der Geistesbewegung machen kann, die jene Erzeugnisse hervorgebracht hat. Die literarischen Besiandtheile aus der nachsynodalen Zeit hingegen zeigen, wenn auch nur in allgemeinen Umrissen und zum Theil auch indirekt, die verschiedenen Wege, auf denen sich die neuen Richtungen entwickelten, von einer Seite, daß man wohl nicht ohne Anstrengungen, aber doch im Stande ist, ihre Beschaffenheit ziemlich genau kennen zu lernen. Der Eindruck, den eine genaue Betrachtung der zwei verschiedenen Literaturmassen, in denen sich das Leben und Wirken zweier Abschnitte jener überaus wichtigen Periode manifestiren, auf den reflektirenden Forscher in dem ersten Augenblick macht, ist ein ganz merkwürdig befremdlicher, ja beinahe räthselhafter. In dem Bilde, das sich von den literarischen Gruppen des ersten Abschnittes abhebt, sieht man in mehr oder weniger deutlichen Zeichnungen in den Schulen Schammai's und Hillel's einen immer stärker anschwellenden Strom sich gegen den Einheitsdamm der Halachah mit Zerstörungswuth ergießen. Mit Spannung folgt man dessen Lauf und urplötzlich, ohne daß man irgend welche Schutzmittel anwenden sieht, verschwindet derselbe, ohne auch nur eine deutliche Spur zurück zu lassen. Die in den Quellen befindlichen Nachrichten und Berichte über die Synode lassen, wie oben erörtert, deren eigentliche Bedeutung unerklärt. Ja genau besehen, leiten sie den Forscher irre. Gerade das Entgegengesetzte bemerkt man in dem Bilde, das aus den Literaturgruppen des zweiten Abschnittes vor unfern Augen entsteht. Gleich beim ersten Blicke entdeckt man jene große Sammlung, die den Inhalt der Halachoth in einer eben so systematisch guten,