Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der jerusalemische Talmud im Lichte Geiger'scher Hypothesen
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 5)
- Language
- German
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124 Der jerusalemische Talmud ausscheidet und ihr Leben erneut; und naturgemäß hat sich stets das Judenthum fortgebildet. — Ebenso liegt ein Hauch von Wahrheit — und von diesem Hauch lebt der Geiger'sche Jrrthum sein sieches Dasein — in der seltsamen Ansicht, daß die Jerobeam's, Saducäer u. s. 10. das Alte repräsentieren gegenüber den Propheten u. s. 1v. als den ״Neuerern". Denn wie der Schwulst ein Symptom von im Körper verborgenem Krankheitsstofs ist, so läßt Sektenbildung bei einer Religion darauf schließen, daß diese matt und schwach geworden; und wie derartige Krankheitssymptome an unserem Leibe Veranlassung bieten, die kranken Stoffe auszuscheiden und ihm gesunde Säfte zuzuführen, so zwingen die Entstehung von Sekten, die Zeichen des Abfalls die Lehrer einer Religion daraus zu sehen, woher die Krankheit komme, ob nicht an den alten Einrichtungen manches überlebt sei, ob nicht den! alten Stamme manch wildes Schößling die Kraft entziehe, ob denn dieser Stamm recht viel Sonnenstrahlen und frische Luft auffange und einsauge. Wir glauben gern, daß der Abfall Jerobeam's und des Reiches Jsrael ein Anlaß war, tiefer in Kern und Wesen des Judenthums einzudringen, uni mit der besseren Erkenntniß den Abfall zu dämmen und zu beschränken; wir sind überzeugt, daß das Saducäerthum die lebhaftesten Impulse auf die frommen Patrioten ausgeübt hat, um den Zaun, der die Religion vor feindlichem Anfall schützen sollte, nur höherund fester zu errichten; wir wissen, daß die Angst vor dem Ueberhandnehmen der Karäer einen Saadia zu tiefen philosophischen, exegetischen, grammatischen Studien angeregt hat, daß die herrliche Blüthe der jüdischen Religionsphilosophie aus einem Boden entsprossen ist, der zum Theil vom Aas des Karäerthums gedüngt gewesen ist. Und wer wollte läugnen, daß erst die gewaltsamen Reformversuche der Gegenwart die Verehrer alten Herkommens und ererbter Satzung aus ihrer Lethargie aufgerüttelt haben. Erst als man um der schwachen Staubkruste willen, welche das Mittelalter über die hehre Erscheinung des Judenthums gezogen hat, es als morsch und moderig ausschrie, da rafften sie sich auf, um diesen Staub abzuwaschen, um es in seiner Lehre wie in seiner Geschichte in erhabener Herrlichkeit den erstaunten Zeitgenossen zu zeigen, sie mußten durch den Stachel der Reform zu dem Erweise gespornt wer-