Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der jerusalemische Talmud im Lichte Geiger'scher Hypothesen
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829402-2829406-2865692--13331-2865726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
im Lichte Gcigcr'scher Hypothesen. 123 — und da liegt die Pointe der ganzen Geschichte — war man gewohnt, die Nappoport, Sachs, Frankel 1t. s. w. als die Wahrer des alten jüdischen Geistes zu betrachten, der Anschannng vom Judenthume, die gefestigt durch das Ansehen der Propheten, der Nabbinen, und der großen Lehrer des Mittelalters, es begreift, daß der religiöse Gedanke verfliegt, wenn er nicht in eine bestinlmte Form gefaßt und gebunden wird; hingegen die Heß, die Holdheim, die Geiger zu den Neuerern zu zählen, welche die ererbten Meinungen bekämpften. Und die Reformer hatten um so weniger etwas dagegen einzuwenden, als es ja bei der ״Wahrheit" gar nicht darauf ankommt, ob sie alt oder neu ist, da vielmehr der Ruhm ihrer Verkünder nur wächst, wenn sie Funkelnagelneues vortragen. Aber es giebt nun einmal unter den Juden eine starke Partei, die bei aller Aufklärung die weiterharte, Jahrtausende bewährte Satzung der Väter nicht vertauschen wollte mit einer Religion von gestern. Das Alte behalten, schien diesen zumal in religiösen Dingen keine verächtliche Regel. Da kam vr. Geiger auf die sublime Idee: wie wäre es, wenn sich die Reform als die Nachfolgerin des Prophetenthums des Rabbinismus u. s. w. ausgäbe, dagegen die Jerobeam's, die Saducäer, die Karäer, den ״Konservativen" in die Schuhe schöbe. — Die naiven Residenzbewohner eines deutschen Kleinstaates petitionirten im Jahre 48 um die ״Republik und den Groß- Herzog zugleich". Weniger naiv, aber ebenso originell mochte Geiger gern den ״Geist der Zeit" und das alte Judenthum zugleich repräsentiren. Da wäre ja sofort, wenn erst die neue Lehre ihm geglaubt würde, das Gros der I u d e n h e i t für die Reform gewonnen. Wie jeder Jrrthum nur lebensfähig wird durch das Körnchen Wahrheit, welches als Fernient seine schlottrigen Glieder eine Weil zusammenhält, so hat auch diese ungeheure Umkehrung der Geschichte doch etwas für sich. Denn es ist ja richtig, daß das Judenthum in seinen bedeutendsten Vertretern niemals die starre Stagnation, das enge Gefesseltsein in unabänderlichen Bräuchen und Dogmen gelehrt hat; nur ist es eben beim Fortschritt das Maß, welches allein entscheidet; sprunghaften Fortschritt hat das Judenthunr nie geliebt. Von der Natur gilt es: non facit saltus, daß sie in zarten, sanften, unmerklichen Uebergängen das Morsche