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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1871-01-01 · Heft 3 · p. Seite 122

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
20 (1871)
Issue
Heft 3
Article
Der jerusalemische Talmud im Lichte Geiger'scher Hypothesen
Date
1871-01-01
Page
Seite 122 (sequence 3)
Language
German
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122 Der jerusalemische Talmud diesem Falle kann das Buch vor der Geiger'schen Kritik nicht bestehen, was dann ungefähr so viel heißen mag: dieser Mann ist ein Krüppel, denn er hat gerade Beine. Wir sagten, Geiger stelle die ganze historische Entwickelung des Judenthums auf den Kopf, und wir bitten unsere Leser diesen Satz nicht als Uebertreibnng zu nehmen. Bisher glaubte alle Welt, Jerobeam sei ein Abtrünniger, ein Neuerer, das Reich Juda hingegen habe, wenn auch nicht gerade immer mit hingebender Treue und Sorgfalt, das alte Erbe der Gemeinde Jakobs gehütet. Man wußte dies freilich nur aus den biblischen Urkunden; indeß Geiger's Urschrift war noch nicht erschienen, und so lag noch kein Grund vor, diesen Schriften zu mißtrauen. Bisher war man der Meinung, die Saducäer hätten eine Art von Reform angestrebt, sie hätten sich, aus vornehmem Stamme entsprossen, wie die Griechenfreunde zur Syrerzeit hingeneigt zu römischer Bildung, und deshalb die Forderungen des religiösen Lebens im Gegensatz zu den Pharisäern, welche das alte Herkommen wahrten und fortbildeten, einengen und beschränken wollen. Diese Ansicht mochte vielleicht manchen modernen Theologen, deren ganzer Anhang oft aus modernen Saducäern bestand, nicht genehm sein, da die jüdische Geschichte ein allzu hartes Verdikt gegen derartige Richtungen ausgesprochen hat; indeß da die ״Zadokiten" noch nicht entdeckt waren, da sich gegen die recipirte Auffassung so gar nichts Stichhaltiges Vorbringen ließ, so mußte man sie gelten lassen. Bisher galten die Karäer als eine Sekte, deren Anhänger sich vom Nabbinismus lossagten, weil sie, beeinflußt von den freiern religiösen und philosophischen Bestrebungen unter den Mohamedanern, sich durch die strengen Vorschriften des Talmud genirt fühlten; allerdings schien auch das Siechthum der Karäer wie ein Richtspruch der Geschichte gegen die Stimnrführer unserer Tage, die in ihrem Liberalismus dem Talmud alle Nechtsgiltigteit für's Leben absprechen, dagegen die Autorität der Bibel, allenfalls die der Mischna anerkennen; die ״Karäer des 19. Jahrhunderts" wollten nicht gerne daran erinnert sein, daß sie gar nicht so modern waren, als sie sich geberdeten, daß in ihnen nur halb erstorbene geschichtliche Formationen sich wiederholten; aber so unangenehm die Thatsache war, sie ließ sich nicht wegstreichen. B i s h e r endlich

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