Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der jerusalemische Talmud im Lichte Geiger'scher Hypothesen
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 121 (sequence 2)
- Language
- German
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int Lichte Geiger'scher Hypothesen. 121 chen, und wenn die Andern ohne ein Wort der Erwiederung ruhig zuhören, weil sie entweder dagegen gleichgültig sind, oder weil sie ein liebendes Vaterherz nicht kränkelt tnögen, so betrachtet dieser das Schweigen häufig als ein Zeichen des Eittverständnisses oder der völligen Unfähigkeit, gegen sein geliebtes Schooßkind etwas Vorbringen zu können; nicht selten indeß grollt er der übrigen Menschheit, weil sie in seine Hymnen nicht einstintmt und läugnet ihr alles Verständniß für erhabene, die Welt und die Wissenschaft umwälzende Ideen. Und dennoch ist diese Zärtlichkeit gegen die Mißgeburten unserer Phantasie weit weniger berechtigt, weit weniger nothwendig, als die Liebe gegen die zurückgebliebenen Sprößlinge der Familie. Denn da Kindesmord, an schlechten Hypothesen begangen, von keinem Strafgesetzbuche geahndet wird, so steht ja nichts im Wege, daß die Väter, die Nichtsnutzigkeit ihrer Kinder erkennend, mit scharfem Schwert dieselben von einem traurigen Dasein befreien und sie in das Grab ewiger Vergessenheit senken. Ein solcher Einfall, dem schon deswegen der Tod zu wüttscheu iväre, weil er seinem Vater viel schtvere Sorge macht und ihtt von wichtigern Geschäften zurückhält, ist unseres Erachtens Geiger's Hypothese über die Zadokiten; an diese reihten sich, aus dieser einen entfalteten sich eine ganze Anzahl anderer, alle gleich wohl begründet und annehinbar. Bei Luftschlössern kann tnan ja bekanntlich das eine auf dem Sims des andern bequem errichten. Berge von Hypothesen anfeinanderzuthürmen ist nicht halb so schwer, als den Pelion ans den Ossa zu setzen; nur gleichen diese Berge den Schneebergen; sie können die Sonne der Kritik nicht vertragen; dieser gegenüber schntelzen und schwinden sie. Aus diesen Hypothesen setzte sich eine höchst verkehrte und verzerrte Anschauung des biblischen und talmudischen Indenthums zusammen, die uns lebhaft an jene Berliner Karrikatur erinnert, wo Einer auf seinem Kopfe steht, mit höchst ernster Miene in verkrümmter Stellung die Welt zu betrachten scheint und darunter stehen die Worte: auch eine Weltanschauung. In das Streckbett dieser aus vagen Behauptungen zusamntengefüg- . ten Auffassung wird jede größere literarische Erscheinung auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft hineiitgelegt. Natürlich paßt sie, wenn sie gesunde und gerade Glieder hat, nicht hinein; in